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Lahn-Dill-Kreis: Werdenfelser Weg – Im Lahn-Dill-Kreis sollen freiheitsentziehende Maßnahmen in Pflegeeinrichtungen reduziert werden

Pressemeldung vom 12. Oktober 2012, 11:51 Uhr

Derzeit kommt es in bundesdeutschen Pflegeheimen täglich zu etwa
400.000 freiheitsentziehenden Maßnahmen. Insbesondere werden Bettgitter,
Bauchgurte, Gurte an Armen und Beinen oder Tischplatten an Rollstühlen
angewendet, mit der Folge, dass sich die Betroffenen – teils mehr als
8 Stunden am Tag – nicht mehr frei fortbewegen können.

Obwohl diese Maßnahmen meist zur Verringerung der Sturzgefahr und damit
zum Schutz und im Interesse der Betroffenen angewendet werden, führen
sie häufig zu physischen und psychischen Folgeleiden. Dauerhafte
Fixierungen sind oftmals mit Ursache dafür, dass sich das Gesamtbild des
Patienten/der Patientin oder Heimbewohners/Heimbewohnerin dramatisch
verschlechtert. Der Trend der letzten zehn Jahre (2000 bis 2010) zeigt
bundesweit eine Verdoppelung der richterlich erteilten Genehmigungen von
freiheitsentziehenden Maßnahmen – und zwar von ca. 50.000 auf ca.
100.000 Genehmigungen pro Jahr.

Im Lahn-Dill-Kreis haben sich Vertreterinnen und Vertreter der
Betreuungsbehörde, des Amtsgerichts Wetzlar (Betreuungsgericht) und der
Verfahrenspflege auf eine gemeinsame Initiative verständigt, um diesem
Trend entgegenzutreten.

Durch geänderte Verfahrensabläufe im gerichtlichen
Genehmigungsverfahren und einem deutlichen Bekenntnis aller beteiligten
Behörden und Berufsgruppen sollen die bestehenden
„Fixierungsautomatismen“ durchbrochen werden. Dabei soll künftig
nach dem so genannten „Werdenfelser Weg“ vorgegangen werden, der im
Rahmen einer Fachveranstaltung allen Verfahrensbeteiligten am 16.
Oktober 2012 in der Kreisverwaltung vorgestellt wird.

Alternative Werdenfelser Weg

Danach soll die pflegefachliche Beurteilung des Einzelfalls künftig
noch stärker im Mittelpunkt des richterlichen Genehmigungsverfahrens
stehen. Pflegefachkräfte mit einer fachbezogenen Weiterbildung werden
beim Eingang eines Genehmigungsverfahrens beim Betreuungsgericht als
Fürsprecher für den Betroffenen (Verfahrenspfleger) mit dem konkreten
Einzelfall gerichtlich beauftragt. Behutsames Ausprobieren,
partnerschaftlicher Informationsaustausch, sorgfältige Abwägungsarbeit
und Einzelfallanalyse sollen dabei das Verfahren begleiten.

Der Verfahrenspfleger/die Verfahrenspflegerin soll versuchen, vor Ort
mit dem Betroffenen, den Angehörigen und dem Pflegeteam Maßnahmen zu
erarbeiten, die neben höchstmöglicher Sicherheit auch Bewegungsfreiheit
und Lebensqualität bieten.

Ziel ist es, zu einer gemeinsam getragenen Abschätzung zu kommen, wie
im konkreten Fall das Sturz- und Verletzungsrisiko einerseits, die
Folgen einer angewendeten Fixierung andererseits einzuschätzen sind.

Dabei kann der Einsatz moderner pflegerischer Hilfsmittel oder eine
intensive Biografiearbeit bzw. unterstützende Betreuung Dauer und Umfang
der Fixierung begrenzen oder diese ganz entbehrlich machen. Eine der
Grundängste der Heimbetreiber und Pflegeverantwortlichen, nämlich dass
eine zunächst gewissenhafte Abwägung Monate später nach einem
Sturzereignis rückblickend als unverantwortlich dargestellt wird, soll
dabei besonders ernst genommen werden.

Was steckt dahinter?

Der „Werdenfelser Weg“ ist bereits Modellprojekt für gleichartige
Initiativen in anderen Landkreisen in Deutschland und zu einem Synonym
für professionsübergreifende Ansätze zur Fixierungsreduzierung
geworden. In mehr als 20 Landkreisen und Städten bundesweit gehen die
Gerichte mittlerweile diesen Weg.

Auch im Lahn-Dill-Kreis soll dieser Ansatz nun übernommen werden. Das
Hessische Ministerium der Justiz, für Integration und Europa trägt die
Schirmherrschaft für dieses Projekt.

Ansprechpartner bei Fragen zum Thema beim Lahn-Dill-Kreis ist Norbert
Schmidt, Leiter der Betreuungsbehörde (Abteilung Gesundheit), Tel. 06441
407-1684.

Quelle: Lahn-Dill-Kreis / Servicedienst Kommunikation

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