Energiewechsel

Büdingen: „Fragt uns, wir sind die Letzten“ – Zeitzeugen berichteten in Büdingen

Pressemeldung vom 21. September 2009, 09:15 Uhr

Büdingen. Es war ein mehr als bewegender Abend im Sälchen im Büdinger Oberhof. Vier Zeitzeugen aus Polen berichteten auf Einladung der Geschichtswerkstatt Büdingen über ihre Leidensjahre in Ghetto und KZ. Schmucklos und eindringlich schilderten sie den Zuhörern ihr persönliches Elend in Buchenwald, Auschwitz und anderen Stätten der Menschenverachtung.

Alois Bauer, der seit vielen Jahren für das Bistum Mainz die Kontakte zu den Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie pflegt, hatte zusammen mit Joachim Cott von der Geschichtswerkstatt diesen Abend organisiert. Vier ehemalige Lagerinsassen, zwischen 81 und 87 Jahre alt, sprachen über die schlimmste Zeit ihres Lebens.

Wladyslaw Kozdon wurde als sechstes von sieben Kindern im oberschlesischen Bergwerksrevier geboren, wächst als Pole neben Deutschen auf. 1939 verhaftet man den erst 17jährigen zusammen mit seinem Vater und deportiert beide ohne Prozess und Urteil nach Buchenwald, weil er angebliche verbotene Pfadfinderbücher versteckt habe. Er überlebt im KZ, da er nicht zu schwerer Bergwerksarbeit abkommandiert wird. Zunächst arbeitet er als Maurer, später gibt er sich als Friseur aus, um nicht auf die Listen der Todestransporte zu kommen. Der Name seines Vaters steht auf einer solchen Liste.

Viele Jahre kann W. Kozdon nicht über seine traumatischen Erfahrungen sprechen, bis er sie schließlich in seinem Buch „…ich kann dich nicht vergessen“ verarbeitet. Sein Bericht über seine Jugend in Gefangenschaft streift dramatische Geschehnisse der Lagergeschichte. Er erzählt von den Abgründen menschlichen Handelns, von den Zufällen des Überlebens, aber auch von Solidarität. Kozdon ermöglicht den Blick in die Nischen des Lagerlebens, von deutschen politischen Häftlingen, die diese Nischen schufen und Jugendlichen wie ihm eine Chance zum Überleben gaben. Sein Werk will er nicht als Anklage verstanden sehen, sondern als einen Beitrag zum deutsch-polnischen Dialog.

Ignacyi Arthur Krasnokucki stammt aus einer jüdischen Familie. Er kommt mit 14 Jahren ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz). Zwei Brüder können fliehen, der Vater verschwindet, sein Schicksal ist bis heute ungewiss. Krasnokucki bleibt zurück mit der kranken Mutter, die er mühsam zu ernähren versucht und vor allen Selektionen schützt. Sie stirbt in seinen Armen.

Nach Auflösung des Ghettos kommt Krasnokucki über mehrere Stationen ins KZ Tschenstochau, einem Außenlager von Buchenwald, wo er als Hilfselektriker Zwangsarbeit leistet. Im August 1944 wird das Lager aufgelöst, weil die Front näher rückt. Am 4. April 1945 kann er vom Todesmarsch fliehen und wird von US-Soldaten gerettet.

Jacek Zieleniewicz stammt aus einer katholischen Familie und kommt als 17jähriger ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort sieht er Tausende jüdischer Kinder und Erwachsener in die Gaskammern gehen. „Der tägliche Wahnsinn hat uns abgestumpft; erst später sind wir aufgewacht, erschrocken über das Unglaubliche.“ Nach einem Jahr kommt er in die Nähe von Rottweil, in ein Außenlager von Natzweiler: „Wir mussten bei Wind und Wetter raus an die Arbeit, ein Brot musste für acht Personen reichen. Von vormals 79 kg war ich in Rottweil nach kurzer Zeit auf 38 kg abgemagert. Wir waren verlaust und krank, mussten in unseren Briefen an die Familien aber schreiben, das wir gesund seien und es uns gut gehe.“ Sein Appell an die Jugendlichen: „Ihr seid nicht verantwortlich für das Geschehene – aber helft mit, dass so etwas nie wieder geschieht.“

Die von den Erzählungen sehr betroffenen Besucher nutzten zahlreich das Motto des Abends und fragten nach vielen Einzelheiten, die von den Gästen ausführlich dargelegt wurden. Nicht mehr lange wird gefragt werden können – umso wichtiger war dieser Abend. Aktuell leben noch ca. 30 000 Menschen, die den Lagern entkommen konnten.

Quelle: Stadt Büdingen – Pressestelle

Share on Facebook Share on Google+

 Hinweis