Energiewechsel

Erbach: Das etwas andere Bild von Simone de Beauvoir

Pressemeldung vom 15. September 2009, 09:08 Uhr

Wie Suzanne Bohn das Leben der Philosophin skizziert – 60 Jahre nach Erscheinen des Buches „Das andere Geschlecht“

Erbach. Die Kreisfrauenbeauftragte und die Akademie für lebenslanges Lernen hatten eingeladen und viele Interessierte stellten sich im Haus der Akademie für lebenslanges Lernen/Volkshochschule Odenwaldkreis in Erbach ein, um sich über das Leben der Simone de Beauvoir berichten zu lassen. Präsentiert wurde die Beauvoir-Vita von der Vortragskünstlerin Suzanne Bohn, für anspruchsvolle Portraitierungen ihrer Landsleute bekannt und geschätzt. Sie entwarf ein etwas anderes Bild ihrer Landsfrau als sonst dargestellt.
Nicht selten gehen Schriftsteller eher durch ihren Lebenslauf als durch ihre Werke und Schriften in die Geschichte ein: Bei Simone de Beauvoir war es gerade umgekehrt. Die Philosophin und Schriftstellerin mit aristokratischem Stammbaum wurde vor 60 Jahren mit ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ auf einen Schlag weltberühmt.
Die damals 41 Jahre alte Frau wurde überrascht und überrollt vom Erfolg ihres wissenschaftlichen Werks, einer imposanten Studie über den Stand der Frauen durch alle Kulturen hindurch, die unter religiösem, medizinischem, soziokulturellem, mythologischem und geschlechtsspezifischen Blick betrachtet wurden. Als Simone de Beauvoir 1947 begann das Buch zu schreiben, steckte sie in einer schwierigen Zeit des Stillstands. Die Situation ließ sie zum ersten Mal realisieren, dass ihr Leben vielleicht deshalb in eine Sackgasse geriet war, weil sie eine Frau war. Bis dahin hatte sie sich stets als Ausnahmemensch erlebt: „Ich hatte mich nie als Frau wahrgenommen. Ich war ich“. Sie war sie, die intelligenteste Frau ihres Jahrhunderts, eine Selbst-Ernennung, die sich heute kaum jemand zuschreiben würde, wie Referentin Suzanne Bohn anmerkte. Vor 60 Jahren legte sie Zeugnis ab von der damals allgemein verbreiteten Geringschätzung des so genannten schwachen Geschlechts. So sehr herrschte die Überzeugung vor, Frauen könnten nicht intelligent sein, dass Beauvoirs Vater George nicht müde wurde, mit eben der Intelligenz seiner Tochter hausieren zu gehen: „Meine Tochter hat einen Verstand wie ein Mann“, sagte er bewundernd.
Das Mädchen Simone war so durchdrungen von ihrem Anderssein, dass es schon sehr früh überzeugt war, ein Ausnahmeleben führen zu müssen. Mit 16 machte sie Abitur, setzte dann bei ihren Eltern mit starkem Willen ein Philosophiestudium durch: Ein Skandal damals, denn dies bedeutete das unerhörte Eindringen in eine bis dahin den Männern „reservierte“ Domäne. An der Universität begegnete die 21-jährige Jean-Paul Sartre, der allein ihr ebenbürtig erschien. Suzanne Bohn machte in ihrem Vortrag klar, wie sehr die Rebellion der jungen Simone de Beauvoir sich in der Partnerschaft mit einem der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts erschöpfte. Obwohl die Ausnahmephilosophen, die zu Lebzeiten Star-Status genossen, die Gesellschaft mit einer ganz neuen Definition von Partnerschaft revolutionierten, in der die Begriffe Ebenbürtigkeit und Freiheit Vorrang hatten, gingen die in einer Zweier-Beziehung unvermeidlichen Kompromisse stets auf ihr Konto. Ein Schicksal, das sie mit ihren Geschlechtsgenossinnen teilte, auch wenn Simone de Beauvoir alles andere als frauenfreundlich war. Dabei reproduzierte sie unbewusst ihren soziokulturellen Kontext als Französin. Die Referentin, selbst gebürtige Französin, ging ausgiebig darauf ein und machte klar, dass der französische Feminismus anders ausgerichtet ist als der angelsächsische.
Simone de Beauvoir ging vor allem als Feministin in die Geschichte ein, zu der sie jedoch erst in den letzten 16 Jahren ihres Lebens wurde. Den sozusagen orthodoxen Feministinnen blieb sie aufgrund ihrer Sartre-Hörigkeit stets ein Dorn im Auge. Und doch wurde „Das andere Geschlecht“ zu dem Werk, das nach einem Jahrhundert mühsamen Kampfes für die Gleichberechtigung Bewegung in den Feminismus brachte, indem es den Frauen Argumente lieferte: „Eure vermeintliche Bestimmung als Ehefrau, Hausfrau und Mutter ist eine komplette Erfindung des Patriarchats“, schrieb Simone de Beauvoir. „Ich wollte die Welt verändern, Sie haben es getan“, sagte Sartre einmal anerkennend zu ihr.
Dem Vortrag von Suzanne Bohn bei der Akademie für lebenslanges Lernen folgte eine rege Diskussion, die zeigte, wie sehr sich Zuhörerinnen und Zuhörer von der kundigen Referentin bewegt sahen.

Quelle: Stadt Erbach – Pressestelle

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