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Frankfurt am Main: Der das Leben doch so liebte

Pressemeldung vom 6. Juni 2011, 09:43 Uhr

Petra Roth findet Susanne Gaensheimers Kuratierung des Deutschen Pavillons in Venedig „gedankenreich und fantastisch“(pia) Venedig, im Juni. Das ewige Leben. Was das wohl ist, fragt eine Kinderstimme immer wieder, die sich über Lautsprecher rasch im Deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig verbreitet. Das ewige Leben hätte es für den ehemaligen Messdiener Christoph Schlingensief vielleicht gar nicht sein müssen. Aber ein paar Jahre länger hätte der mit dem Lungenkrebs kämpfende Künstler schon noch gern gelebt. Diesen Eindruck, den Schlingensief selbst bis zu seinem Tod im vergangenen Sommer kurz vor seinem 50. Geburtstag vermittelte, unterstreicht jetzt auch der Einblick in sein Werk, der vom heutigen Mittwoch an bei der Biennale in Venedig vom Deutschen Pavillon aus vermittelt wird: „Es ist eine Hommage an das Leben“, zeigt sich Oberbürgermeisterin Petra Roth am Abend zuvor bereits nach eingehenden Betrachtungen beeindruckt. „Es ist die einzige Möglichkeit, Schlingensief durch sein Werk sprechen zu lassen“, setzt Susanne Gaensheimer hinzu, die Direktorin des Museums für Moderne Kunst.

Forum für eine Auseinandersetzung mit Leben und TodSusanne Gaensheimer hat den Deutschen Pavillon kuratiert. Sie beauftragte zunächst Christoph Schlingensief selbst damit, diesen als schwierig geltenden Ort zu bespielen. Schlingensief arbeitete daran bis zu seinem Tod im vergangenen Sommer. Gaensheimer entschied sich, in seinem Namen gemeinsam mit Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz weiterzumachen. Es gab Zweifler, ob das gelingen könne. Für Petra Roth steht am Abend vor der offiziellen Eröffnung, an dem Mitarbeiter Gaensheimers und Förderer ihrer Arbeit auf der Dachterrasse des Deutschen Studienzentrums einen Dank erhalten, außer Frage: Im Deutschen Pavillon stellen sich essentielle Fragen. „Susanne Gaensheimer und Aino Laberenz haben im Sinne Christoph Schlingensiefs das Forum für eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod in religiöser und realer Dimension geschaffen.“
Egomania mit Altar und HaseDie Verpflichtung auf das Werk des oft als Provokateur beschriebenen Künstlers wird schon vor dem Eintreten in den Deutschen Pavillon deutlich. Die Macherinnen ersetzten die Inschrift „Germania“ durch „Egomania“. Ganz oft, berichtet Aino Laberenz, habe Schlingensief in dieser Weise sprachlich gespielt. Entstanden ist im Hauptraum des Pavillons eine neugotische Kirche. Der Altar ist um sieben Stufen erhöht mit Kerzen, Monstranz und einem ausgestopftem Hasen. Links vom Altar steht ein Krankenbett, rechts davon finden sich Röntgenbilder der Lunge. Oberhalb sind drei Leinwände installiert, auf denen Kreuzigungsszenen laufen. Damit soll der Kreuzgang entstehen in den bekannten zwölf Stationen des Leidens. Die gesamte Kulisse, zu der auch Schwarz-Weiß-Bilder aus der Kindheit des Künstlers gehören, hatte Schlingensief bereits für die Ruhrtriennale 2008 mit dem Titel „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ bestimmt. Die Simulation der Kirche ist einem Sakralbau in Oberhausen nachempfunden, in dem Schlingensief in jungen Jahren Messdiener gewesen ist. In Nebenräumen bietet Gaensheimer Einblicke in das Wirken Schlingensiefs, seine Affinität zu Afrika und seine Filme. Einen Künstler ihrer Generation habe sie ansprechen wollen, erzählt Susanne Gaensheimer: „Schlingensief hat mit seiner Arbeit die künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen der letzten Jahrzehnte maßgeblich mitbestimmt.“ Aus ihrer Sicht gehöre Schlingensief zu den „ganz bedeutenden Künstlern in Deutschland“.
Germania liegt nicht länger in TrümmernMit seinen Impulsen kommt der Deutsche Pavillon in radikaler Gegenwart an. Bis jetzt spielte vor allem die Auseinandersetzung mit der Instrumentalisierung des Ortes durch die Nationalsozialisten eine große Rolle. Seit den 70-er Jahren ist „das Deutsche“ immer wieder Thema der Ausstellungen im Pavillon gewesen. Bei der Biennale 1976 durften Jochen Gerz, Reiner Ruthenbeck und Josef Beuys den Hauptraum des Pavillons gestalten. Beuys, den Schlingensief später seinen „Übervätern“ zählte, lieferte die Installation „Straßenbahnhaltestelle“, eine steinerne Stele, vor der ein Häufchen Schutt liegt – „ein historisches Kriegsmonument in der Art einer Trophäensammlung“, wie die Kritik befand. 1980 diskutierte die Öffentlichkeit heftig über das, was Georg Baselitz und Anselm Kiefer im Pavillon gemacht hatten: Die Werke „Deutschlands Geisteshelden“ und „Wege der Weltweisheit“ nahmen sich die deutsche Heldenmythologie vor. Für viel Aufsehen sorgte auch Hans Haacke bei der Biennale 1993. Der Künstler ließ den Boden des Pavillons aufbrechen und die zerstörten Platten als Schutt herumliegen, so dass Zuschauer über das Plattenfeld gehen mussten. Gleich am Anfang empfing sie ein Bild Hitlers, der 1934 die Biennale besucht hatte. „Germania“, wie es an der Frontseite des großen Saal stand, lag in Trümmern.
Frankfurt ist der ideale OrtHeute liegt „Germania“ nicht länger in Trümmern. Heute sucht die Republik nach Antworten auf drängende Fragen der Gegenwart. Mit Hilfe der modernen Kunst, für die Frankfurt am Main als ein geradezu idealer Ort in der gesamten Szene gelte, berichtet Susanne Gaensheimer. Ihren Beitrag für diesen guten Ruf der Stadt in Europas Kulturkreisen habe sie dazu geleistet, lobt Oberbürgermeisterin Petra Roth die Direktorin des MMK – und zwar in Frankfurt am Main wie in Venedig.

Quelle: Stadt Frankfurt am Main – Presse- und Informationsamt

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