Energiewechsel

Frankfurt am Main: Die Flussquerung war eine Sensation

Pressemeldung vom 23. September 2009, 09:03 Uhr

Vor 25 Jahren fuhr in Frankfurt die erste U-Bahn unter dem Main hindurch

Frankfurt am Main. Die neue U-Bahn-Strecke, die 1984 eingeweiht wurde, stellte bei ihrem Bau technisch vor besondere Herausforderungen und galt als ein wichtiger Schritt zur schienenfreien Innenstadt. Bis heute ist sie die längste U-Bahn-Strecke in der Mainstadt. Inzwischen erobert sich allerdings in der Verkehrsplanung auch die Straßenbahn wieder ihren Platz zurück.

Frankfurt am Main (pia) Daran hat keiner geglaubt. Als der Diplom-Ingenieur Erich Lasswitz am 21. Februar 1925 das Projekt eines Maintunnels vorstellte, erschien diese Idee völlig utopisch. Die Röhre sollte auf drei Verkehrsebenen unterm Main nach Sachsenhausen führen: Zuunterst sollten die Straßen- und Stadtbahnen fahren, darüber die Autos rasen und ganz oben die Fußgänger und Radler auf einer Geschäftsmeile flanieren können. In den Seitensegmenten des Tunnels war sogar noch Platz für „geräumige Zwei- bis Vierzimmerwohnungen mit Keller, Speicher, elektrischer Küche, Aufzug und anderem Komfort“ vorgesehen, die „selbstverständlich alle (…) direkte Mainbäder“ hätten. Als der Ingenieur in der Zeitschrift „Römer-Maske“ die Einweihung des Tunnels für den Fastnachtsdienstag 1926 ankündigte, dürfte endlich auch dem letzten Zweifler klar geworden sein: Das Projekt war ein Faschingsscherz.

Das scheinbar Unmögliche wurde wahr
Genau 50 Jahre später sollte das scheinbar Unmögliche jedoch wahr werden: 1975 begannen die Bauarbeiten für einen U-Bahn-Tunnel unter dem Main von der Innenstadt nach Sachsenhausen. Erstmals beim U-Bahn-Bau in Frankfurt wurde dabei in bergmännischer und nicht in offener Weise gearbeitet, und spektakulär war auch das – allerdings nicht unproblematische – Verfahren der künstlichen Vereisung, das auf der etwa 9,5 Meter unter Tage liegenden Baustelle eingesetzt wurde, um Einbrüche des Erdreichs und der Mainfluten zu verhindern.

Zur Probefahrt kamen 100.000 Frankfurter
Vor 25 Jahren, am 29. September 1984, fuhr die erste U-Bahn unter dem Main hindurch. Der genau 1,483 Kilometer lange und 327 Millionen Mark teure neue Streckenabschnitt zwischen dem Theaterplatz auf der einen und dem Südbahnhof auf der anderen Mainseite erweiterte das städtische U-Bahn-Netz auf seine heutige Ausdehnung. Der Südbahnhof wurde dadurch zum „Kreuz des Südens“, einem Knotenpunkt des öffentlichen Nah- und Regionalverkehrs. An Werktagen fahren von hier aus 40.000 Passagiere mit der U-Bahn in die City. Die wenigsten werden heute auf der vierminütigen Fahrt darüber nachdenken, dass sie gerade den Main unterqueren. Doch anfangs war dies eine echte Sensation. Über 100.000 Frankfurter kamen zur ersten kostenlosen Probefahrt am Einweihungstag, und auch in den nächsten Wochen unternahmen Familienväter mit ihren Sprösslingen noch Ausflüge zur Mainunterquerung mit der U-Bahn. Kinder waren allerdings vor Enttäuschung nicht gefeit. Ein Kleiner starrte gespannt ins Dunkel des Tunnels, bis er nach einer Weile konstatierte: „Aber Fische seh ich noch keine!“

Kombinierter U-Bahn- und Straßenbahnverkehr
Der Maintunnel ist Teil der ältesten U-Bahn-Strecke in Frankfurt, der „A-Strecke“, deren Bau bereits 1963 begann. Deren erster Teilabschnitt, der vom Stadtzentrum in die Nordweststadt führt, wurde am 4. Oktober 1968 eröffnet, zunächst mit sechs unterirdischen Bahnhöfen, wobei der Tunnel in der Innenstadt anfangs noch von einem kombinierten U- und Straßenbahn-Verkehr genutzt wurde. In den folgenden Jahren wurde diese Strecke abschnittweise verlängert, und auch der Ausbau zur „reinen“ U-Bahn sollte nach und nach geschehen. So war über den Innenstadttunnel hinaus die Untertunnelung der gesamten nach Norden führenden Ausfallstraße Eschersheimer Landstraße geplant. Dieses Vorhaben wurde bis heute jedoch aus finanziellen Gründen nicht realisiert, wie auch die ursprünglich geplante weitere Verlängerung über den Südbahnhof nicht zustande kam. Dennoch ist die Nord-Süd-Achse der U-Bahn heute die längste der drei Frankfurter U-Bahn-Strecken. Erweitert wird sie bald noch durch zwei im Bau befindliche Linien, die in den neuen Stadtteil Riedberg führen.

Revival der Straßenbahn
In den achtziger Jahren galt die Einweihung der U-Bahn nach Sachsenhausen als wichtiger Schritt auf dem Weg zur „schienenfreien Innenstadt“ – ein stadt- und verkehrsplanerisches Konzept, das sich in seinem Absolutheitsanspruch inzwischen überholt hat. Ohnehin gab es schon bald nach der Einweihung auch kritische Stimmen zur neuen U-Bahn. Geschäftsleute befürchteten die Verödung traditionsreicher Einkaufsstraßen, und mancher Pendler ärgerte sich über den „Umsteigezwang“, den das neue Nahverkehrssystem auf ihn ausübte. „Die U-Bahn macht das Fahren nur unbequemer!“, wetterte ein Unzufriedener in der Presse, und zwei ältere Damen mochten die Trambahn lieber, weil sie während der Fahrt aus dem Fenster guck en wollten. Auf solche Einwände und andere gute Argumente moderner Verkehrsplaner hat die Stadt Frankfurt reagiert. Trotz U-Bahn wurde die Straßenbahn nicht ganz abgeschafft, und derzeit sind sogar neue Linien im Bau.

Quelle: Stadt Frankfurt am Main – Pressestelle

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