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Frankfurt am Main: Muhammed Ali kam zum Freitagsgebet

Pressemeldung vom 27. August 2009, 16:49 Uhr

Die älteste Moschee Süddeutschlands besteht seit 50 Jahren

Frankfurt am Main. Eine grüne Kuppel und zwei Minarette – Frankfurts Nuur-Moschee wird am 12. September fünfzig Jahre alt. Das Gotteshaus der Ahmadiyya-Gemeinde an der Babenhäuser Landstraße war die zweite Moschee in Deutschland, entsprechend groß war 1959 der Andrang der Gläubigen.

Frankfurt am Main (pia) Frankfurt freute sich. Damals, 1959, war die Eröffnung der Nuur-Moschee an der Babenhäuser Landstraße eine Sensation für die Bürger: „Die Leute kamen scharenweise angepilgert, um sich dieses neue, exotische Gebäude anzuschauen. Sie waren neugierig, wollten wissen, wie ein muslimisches Gotteshaus von innen aussieht und wer dorthin zum gemeinsamen Beten geht“, erzählt Abdullah Uwe Wagishauser, Vorsitzender (Emir) der Glaubensgemeinschaft „Ahmadiyya Muslim Jamaat“ (AMJ) in Deutschland. Er selbst kennt die Euphorie der ersten Jahre nur aus Zeitungsberichten und den Schilderungen von Zeitzeugen, denn der 59-Jährige war damals noch ein Kind und wuchs in einer christlichen Beamtenfamilie auf. Erst 1976 konvert ierte Wagishauser zum Islam.

Die erste Moschee in Süddeutschland
Jetzt, am 12. September, wird die kleine weiß gestrichene Moschee mit ihrer charakteristischen grünen Kuppel und den beiden Zier-Minaretten 50 Jahre alt. Es gibt nur eine Moschee in Deutschland, die noch älter ist, und sie steht in Hamburg und wurde bereits 1957 errichtet. Das Frankfurter Gotteshaus – dessen Name „Nuur“ übrigens „Licht“ bedeutet, womit das Licht Gottews gemeint ist – war damals das einzige seiner Art in Süddeutschland und der Zulauf daher groß: „Die Gläubigen reisten zum Gebet mit Bussen an“, so Wagishauser. Und auch jede Menge Prominenz kniete hier zum Freitagsgebet nieder. Sir Zafrullah Khan, damals Präsident des Europäischen Gerichtshofs in Den Haag, übergab den Sakra lbau der Öffentlichkeit.

Prominenter Beter: Muhammed Ali
Wagishauser besitzt einen ganzen Schatz an Schwarzweißbildern, die die Geschichte seiner Gemeinde illustrieren: Immer wieder sieht man Männer mit Bärten, wallenden Hemden und weißen Turbanen auf dem Kopf im angeregten Gespräch miteinander. Auch das jugendliche Gesicht des heutigen Vorsitzenden erkennt man darunter, und der Eindruck, dass hier der Dialog, nicht das Dogma gepflegt wird, stellt sich sofort beim Betrachter ein. Ein Foto ist besonders spektakulär, auch wenn man das erst auf dem zweiten Blick bemerkt: Inmitten einer Menschenmenge vor dem Portal der Moschee erkennt man plötzlich Gesichtszüge wieder, die zu einem der berühmtesten Konterfeis des 20. Jahrhunderts gehören: Muhammed Ali, de r beste Boxer seiner Zeit, war 1967 nach Frankfurt gekommen, um im Waldstadion gegen Karl Mildenberger anzutreten – er brauchte mühsame 12 Runden bis zum Sieg, was ihm damals nicht so oft passierte. Und als frommer Moslem, der Ali mittlerweile geworden war, suchte er natürlich auch die hiesige Moschee zum Freitagsgebet auf.

Ein muslimisches Gotteshaus inmitten der christlichen Nachbarschaft
Fast kommen einem diese Bilder wie Relikte aus einer Zeit der Unschuld vor. Damals, vor 50 Jahren, hatten die Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinschaft keine Scheu, ein Gotteshaus mit allen seinen typischen Merkmalen mitten in die christliche Nachbarschaft hineinzubauen, und diese Nachbarschaft reagierte auch nicht mir Angst und Abwehr darauf. Es war, wie Wagishauser nüchtern und ohne Rücksicht auf political correctness formuliert, die Epoche, bevor Hunderttausende türkische „Gastarbeiter“ in die Bundesrepublik kamen und für die nächsten Jahrzehnte das Bild von Moslems in den Köpfen ihrer deutschen Mitbürger prägten. Und an Islamismus, an Terror und Heilige Kriege d achte man damals wohl auch noch nicht.

Trennung von Kirche und Staat, Gleichberechtigung von Mann und Frau
Die vielen Veranstaltungen, die die Ahmadiyya-Gemeinde nun anlässlich des 50. Geburtstags der Frankfurter Moschee plant, können vielleicht helfen, das Bild vom Islam wieder etwas farbenfroher und differenzierter zu zeichnen. Denn die Mitglieder dieser religiösen Strömung sehen sich selbst als liberale Reformer, die für eine strikte Trennung von Staat und Religion und für die Gleichstellung von Mann und Frau eintreten und denen vor allem die Integration in die Mehrheitsgesellschaft zentrales Anliegen ist. „Wir sind keine Nationalität, sondern eine reine Glaubensgemeinschaft“, erläutert der Vorsitzende der deutschen Sektion. Sichtbares Zeichen für diese Haltung: „In unseren Freitagsgebeten wird auch Deutsch gesprochen.“ Außerdem dient die Moschee allein der Religionsausübung: „Wir haben kein Kulturzentrum und keinen eigenen Sportverein“, betont Wagishauser.

Der amtierende Kalif hat eben die Jahresversammlung geleitet
Ahmadiyya-Gemeinden gibt es in 190 Ländern der Welt, gleichwohl stammen 80 Prozent ihrer mehrere Millionen zählenden Mitglieder oder deren Vorfahren aus Pakistan. Dort aber gelten sie vielen orthodoxen Gelehrten als Nichtgläubige, so weit haben sie sich in deren Augen vom Islam entfernt, werden deshalb auch vom Staat nicht als Muslime anerkannt und diskriminiert. Für die AMJ ist der Messias bereits erschienen, und zwar in Gestalt ihres Gründers Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908). Seit seinem Tod wird jeweils ein Nachfolger (Kalif) als geistiges Oberhaupt von der Gemeinschaft gewählt. Der amtierende 5. Kalif, Mirza Masroor Ahmad, hatte sich erst vor wenigen Tagen in F rankfurt aufgehalten, um die Jahresversammlung seiner Gemeinschaft zu leiten. Denn im Frankfurter Stadtteil Bonames befindet sich die Zentrale für die rund 30.000 AMJ-Mitglieder in Deutschland.

Frau entwirft Wohnhaus für Frauen auf dem Moscheegelände
Demnächst, so berichtet Wagishauser, soll im Rhein-Main-Gebiet der Grundstein für eine AMJ-eigene Akademie zur Ausbildung von Imamen gelegt werden. Und auf dem Gelände der Nuur-Moschee entsteht zur Zeit ein Gast- und Wohnhaus für Frauen und Kinder aus der Gemeinde, die in Not geraten sind, sich auf der Durchreise befinden oder aus anderen Gründen kurzfristig eine Unterkunft benötigen. Entworfen hat es eine Frau: die Frankfurter Architektin Mubashra Ilyas. Die 30-Jährige mag als typisch für die junge Generation innerhalb der AMJ gelten: Kamen ihre Eltern noch als ungelernte Arbeitskräfte aus Pakistan nach Deutschland, haben sie und ihre Geschwister, die allesamt hier ge boren wurden, ein Hochschulstudium absolviert. In drei Städten – Bremen, Offenbach und Berlin-Heinersdorf – wurden bereits Moscheen nach den Entwürfen von Mubashra Ilyas gebaut. „Ich bin Deutsche“, sagt die junge Frau selbstbewusst. Ihr Kopftuch trägt sie mit Stolz und Selbstverständlichkeit.

Quelle: Stadt Frankfurt am Main – Pressestelle

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