Energiewechsel

Frankfurt am Main: Putzfrauen mit Doktortitel

Pressemeldung vom 12. August 2009, 15:57 Uhr

Frankfurter Projekt bringt qualifizierte Migrantinnen zurück in den Job

Frankfurt am Main. Recherchieren, Interviews führen und Texte schreiben gehörte zu ihrer täglichen Arbeit – die gebürtige Russin Julia Herdel war in ihrem Heimatland Chefredakteurin einer Nachrichtenredaktion. Vor sieben Jahren kam sie der Liebe wegen nach Frankfurt. Hier stand sie beruflich vor dem Nichts: „Ich dachte damals, hier bin ich und will arbeiten. Ich war mir sicher, ich bekomme einen Job“, so Herdel. Dass dies gar nicht so einfach ist, musste sie bald erfahren – Absagen waren an der Tagesordnung. „Man verliert ein stückweit seine Selbstsicherheit durch die vielen Ablehnungen, obw ohl ich in meinem Heimatland jemand war und beruflich Erfolg hatte“, so Herdel. Gefühle, die viele Immigranten kennen, wenn sie nach Deutschland kommen. Einen Ausweg aus ihrer Lage fand sie beim Mentoring-Projekt für Migrantinnen.

„Mentoren helfen mit ihrem beruflichen Know-How weiter“
Das Projekt wurde vor vier Jahren vom Verein berami gemeinsam mit dem Frauenreferat der Stadt Frankfurt initiiert. „Unser Ziel ist es, qualifizierte ausländische Frauen so zu unterstützen, dass sie wieder in ihre Berufstätigkeit zurückkehren können“, beschreibt die Projektleiterin Ute Chrysam den Wiedereingliederungsprozess. „Viele hoch qualifizierte Frauen arbeiten hier als Putzfrau oder Kellnerin, obwohl sie in ihrem Heimatland ausgebildete Ärztin oder Ingenieurin waren“, erzählt sie. Bei dem Projekt bilden sich für die Dauer eines Jahres Paare, bestehend aus einem Mentee – so wird der Schützling genannt – und einer Mentorin oder einem Mentor. Die ehrenamtlic hen Mentoren von berami haben durchweg anspruchsvolle Berufe und gute Kontakte, was den Mentees zugute kommt. „Die Mentoren stellen nicht nur ihr Know-How zur Verfügung, sondern sind auch begleitende Bezugspersonen bei Problemen, geben Rat und Lebenshilfe“, erklärt Chrysam die Tandem-Idee. „Obwohl die Ehrenamtlichen beruflich stark eingebunden sind, nehmen sie sich viel Zeit für die Mentees.“ Chrysam betont allerdings, dass von den Schützlingen auch Eigeninitiative verlangt wird: „Es ist nicht so, dass die Mentorin oder der Mentor alles erledigt. Die Schützlinge sollen vielmehr mit deren Hilfe wieder auf den beruflichen Weg gebracht werden.“ Insgesamt 15 „Paare“ nehmen seit letztem September an dem Projekt teil.

Berufliche Übereinstimmungen sind ausschlaggebend
Um die Partnerschaften effektiv zu gestalten, werden Mentoren und Mentees nach möglichst vielen beruflichen Übereinstimmungen zusammengeführt. Julia Herdel erhielt mit Cornelia Faulstich eine Mentorin, die vor allem über viele Kontakte zu Journalisten verfügt. Faulstich, Sozialarbeiterin bei der Stadt Frankfurt, war von Anfang an sehr interessiert, an dem Projekt mitzuwirken: „Ich finde die Grundidee sehr spannend, dass man sich um Menschen kümmert, die aus einem anderen Land nach Deutschland kommen und hier ihr Können und Wissen einbringen möchten.“

Zuhören, Ideen bündeln und ein Feedback geben
Das Paar trifft sich alle drei bis vier Wochen für etwa zwei Stunden. Daneben gibt es gemeinsame Veranstaltungen und Workshops mit den anderen Tandem-Paaren. Zuhören, Ideen bündeln und ein Feedback geben – das war im Wesentlichen Faulstichs Aufgabe. „Gerade am Anfang haben wir viel sortiert und sind die einzelnen Perspektiven durchgegangen, die sich Julia bieten“, erzählt die Mentorin. Daneben überarbeiteten sie gemeinsam Herdels Bewerbungsunterlagen. „Es tut gut, wenn man jemanden hat, den man Fragen kann, der einem zuhört und weiterhilft“, erzählt Herdel.

Neues Ziel vor Augen
Die Mentorinnen findet Ute Chrysam in Frankfurer Firmen, Ämtern oder Institutionen. Durch persönliche Gespräche versucht sie, für diese Thematik zu sensibilisieren und die Menschen zum Mitwirken zu bewegen. Auf Ablehnung stößt sie dabei kaum: „Viele sagen sich, dass Leben hat es gut mit mir gemeint, davon möchte ich etwas zurückgeben“, beschreibt sie die Reaktionen. Der Plan der außergewöhnlichen Tandem-Partnerschaft scheint aufzugehen, denn viele der Mentees haben durch das Projekt zurück in das Berufsleben gefunden. „Diese Eins-zu-Eins Beziehung funktioniert einfach“, so Chrysam. Auch Julia Herdel hat durch die Hilfe von Cornelia Faulstich wieder eine berufliche Perspektive: Sie möchte Sozialar beit an der Fachhochschule in Frankfurt studieren, mit dem Schwerpunkt Migration. „Ich bin durch die Hilfe von Cornelia stärker geworden, habe jetzt wieder ein Ziel vor Augen“, erzählt Herdel. Nach ihrem Studium möchte sie anderen Migranten in Frankfurt helfen, vielleicht auch bald als Mentorin.

Quelle: Stadt Frankfurt am Main – Pressestelle

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