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Marburg-Biedenkopf: „Männergesellschaft Oberstadt“ ließ sich 1894 ablichten

Pressemeldung vom 1. September 2016, 14:25 Uhr

Exponat des Monats im Hinterlandmuseum rückt Geschichte des Grenzgangs in den Fokus

Das Exponat des Monats des Hinterlandmuseums im Schloss Biedenkopf ist ein Gruppenfoto des Vorstands der „Männergesellschaft Oberstadt“ in Biedenkopf zum Grenzgang 1894. Gestiftet wurde die Fotografie von den Schwestern Susanne Stallmann (Berlin) und Sabine Volk, geb. Stallmann (Gießen). Die Männergesellschaften spielen beim traditionellen Grenzgang in Biedenkopf eine wichtige Rolle.

Die Stifterinnen wuchsen beide in Biedenkopf auf. Ihr Großonkel Georg Vogt steht auf dem Foto ganz links in der hinteren Reihe. In der Bewohnerliste von Biedenkopf von 1895 wird er als „Anstreicher“ in der Mittelgasse 4 wohnend aufgeführt. Auch weitere Familienmitglieder waren in diesem Beruf tätig. So wurde die Kirche in Roth (Kreis Biedenkopf) nach einer Inschrift im Jahre 1883 renoviert von den Malern und Anstreichermeistern Karl Vogt und Georg Vogt zusammen mit den Gehilfen Georg Meissner und C. Vogt, „sämtlich aus Biedenkopf.“ Die Familie Vogt nahm in der Männergesellschaft Oberstadt eine wichtige Rolle ein.

Die älteste schriftlich dokumentierte Grenzbegehung zur Kontrolle der Gemarkungsgrenzen fand in Biedenkopf im Jahre 1693 statt. Nachdem man 1777/80 Grenzsteine gesetzt und 1823/24 genaue Gebietskarten angefertigt hatte, wurden Grenzbegehungen zur Grenzkontrolle überflüssig. Aus der Tradition der Grenzbegehungen entwickelte sich ab 1839 ein Volksfest, bei dem nicht mehr die Grenze der Biedenköpfer Gemarkung, sondern die des Stadtwaldes umgangen wird.

Man feierte anfänglich in unregelmäßigen Abständen und verschob geplante Grenzgänge auf Grund von Missernten oder gar mangelndem Interesse. Im Jahre 1881 wurde ein Grenzgangs-Komitees ins Leben gerufen und man sich einigte darauf, im Jahr 1886 wieder ein Grenzgangsfest zu feiern. Davon ausgehend sollte alle sieben Jahre ein Fest stattfinden, wenn nicht Krieg oder wirtschaftliche Not dagegen sprächen. Aber schon der nächste Grenzgang, in dessen Zuge sich die abgebildete Männergesellschaft beim Fotografen einfand, wurde wegen einer Missernte von 1893 auf das Jahr 1894 verschoben.

Die Mitglieder der Männergesellschaft wurden vor einer gemalten Studiokulisse fotografiert. Durch einen Arkadenbogen der angedeuteten Phantasiearchitektur lässt sich auf der rechten Seite eine vereinfacht dargestellte Stadtansicht von Biedenkopf mit Schlossberg erkennen. Vor dieser Kulisse entstanden im Verlauf des Grenzgangs von 1894 noch mehrere Gruppenaufnahmen. Ebenfalls im Hintergrund ragt von der linken Seite her die Fahne der Gesellschaft in das arrangierte Gruppenbild. Sie wurde aufgespannt, so dass die Inschrift „Es lebe/ die/ Eintracht/ der/ Oberstadt.“ zu lesen ist. Die „Männergesellschaft Oberstadt“ wurde erstmals 1864 erwähnt, die abgebildete Fahne im Jahre 1872 gestiftet. Heute befindet sie sich im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf.

Eine kleine „Schleife“, oben an der Fahnenstange befestigt, wurde durch den Fotografen angeschnitten. Die „Schleifen“ sind bestickte Stoffstreifen oder -wimpel, die versehen mit der aktuellen Jahreszahl, beim Grenzgang die Fahne einer Gesellschaft schmücken. Die Inschrift lautet vollständig wohl „Gestiftet von Emil Hörle Ww. / Grenzgang 1894“. Dies ist die Witwe von Emil Hörle, die eine Wirtschaft in der Stadtgasse 45 führte (später Gastwirtschaft Linde). Hier traf sich die „Männergesellschaft Oberstadt“ zu ihren Versammlungen in der Vorbereitungszeit des Grenzgangs. Die Schleifen werden traditionell von den Frauen bzw. Mädchen der Männergesellschaft in der Vorbereitungszeit zum Grenzgang bei einer festlichen „Schleifenüberreichung“ übergeben und an der Fahne der Gesellschaft angebracht.

Öffnungszeiten des Hinterlandmuseums: 1. April bis 15. November; Dienstag bis Sonntag von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Nach telefonischer Voranmeldung kann das Hinterlandmuseum auch während der Winterpause vom 16. November bis 31. März von Gruppen ab 10 Personen besichtigt werden.

Quelle: Landkreis Marburg-Biedenkopf

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