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Marburg: Exponat des Monats August 2009 im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf ist ein Schutzengel

Pressemeldung vom 3. August 2009, 16:56 Uhr

Marburg. Das Exponat des Monats August wurde von Professor Dr. Siegfried Becker gestiftet. Er ist gebürtig aus Mornshausen an der Salzböde und forscht, lehrt und publiziert zu den Themengebieten Fachgeschichte, Regionalforschung, Natur und Kultur, Erzählforschung, ländliche Sozialgruppen, Technikgeschichte und Sachkultur.

Der Schutzengel über zwei spielenden Kindern am Abgrund war Bildmotiv eines Gemäldes von B. Plockhorst, das 1886 in der Königlichen Akademie Berlin ausgestellt wurde und schon bald darauf eine enorme Popularität erfuhr: als Wandbilddruck für Kinderzimmer (und zunehmend auch für Elternzimmer) wurde es in kleinbürgerlichen Wohnungen zu einem der beliebtesten Motive. Es muss nach den sozialen, den persönlichen und familiengeschichtlichen Zusammenhängen des Gebrauchs gefragt werden. Was uns heute als süßlich-nostalgische Szene (und manche werden auch deutlicher sagen: als Kitsch) anmutet, hatte für die Menschen auf dem Land, die sich mit diesem Schmuck ihrer Wohnstuben umgaben, einen sehr ernsten, ja bedrückenden Hintergrund.

Im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als solche Schutzengeldarstellungen als Wandbilder oder Porzellanplastiken in Mode waren, hatte Emil von Behring zwar schon das Diphterieserum entwickelt (1894), doch noch immer starben Kinder an dieser Infektionskrankheit. Der Schutzengel drückt also die Hoffnung aus, dass Kinder überleben, verschont bleiben von Krankheit und Gefahr. Doch er verkörpert noch eine andere Erfahrung: nicht nur die Kinder starben, auch viele Mütter überlebten die Geburt nicht; neugeborene Kinder und ihre älteren Geschwister wurden zu Halbwaisen. Der Verlust der Mütter im frühen Kindesalter hatte mentalitätsgeschichtliche Auswirkungen: die Vorstellung eines Schutzengels versprach den Sterbenden im Kindbett Trost, und sie half den Kindern, den Tod der Mutter zu verarbeiten.

Diese Schutzengelfigur aus Bisquitporzellan stand auf dem Vertiko von Elisabeth Häuser, geb. Hof (1886-1971) in Mornshausen an der Salzböde (Zwirts). Sie wusste um die Bedrohungen der Kinder und der Mütter. In ihrer Kindheit und Jugend starben in Mornshausen noch Kinder an der Diphterie, Eindrücke, die später gewiss auch eine Sorge um die eigenen Kinder beeinflusst haben. Ihre Großmutter hatte schon früh ihre Mutter verloren: Elisabeth Bender aus Ammenhausen hatte 1801 auf den Vormschlagschen Hof in Dilschhausen (Chreas) geheiratet. Nach der Geburt ihres siebten Kindes 1818 war sie so geschwächt, dass sie in den folgenden Jahren das Bett nicht mehr verlassen konnte. 1820 gebar sie noch ein weiteres Kind, das von Elisabeth, Conrad Hecks Tochter von Dilschhausen, zur Taufe gehoben wurde und daher wie ihre Mutter den Namen Elisabeth trug. Nur wenige Wochen nach dem zweiten Geburtstag des Kindes starb die Mutter; der Pfarrer vermerkte im Sterberegister: Diese lang u. schwer geprüfte Dulderin blieb im Febr. 1818 im Kindbett liegen – war immer bettlägerig gebahr in ihrer Krankheit zum 2.t. Mal im Febr. 1820 säugte beyde Kinder die noch leben (Pfarrarchiv Weitershausen). Elisabeth Vormschlag, das jüngste Kind, überlebte; sie heiratete Johannes Hof in Mornshausen. Noch in der Erinnerung ihrer Enkelin und damit im kommunikativen Gedächtnis überliefert blieb der Verlust der Mutter. Solche Gefährdungen, die das werdende und wachsende Leben mit dem Tod konfrontierten, zeigen die Risiken der vielfachen Schwangerschaften, die Sterblichkeit während und kurz nach der Geburt. Die hohe Geburtenrate machte es wahrscheinlicher, dass überhaupt einige Kinder überlebten, doch sie bedingte zugleich auch ein höheres Komplikationsrisiko und den vielfachen Tod von Kindern und Müttern.

Das noch im 18. Jahrhundert dramatische Sterben der Kinder an Scharlach, Ruhr oder Blattern (Pocken) hatte erst mit Einführung der Blattern-Impfung etwas nachgelassen, die in den Dörfern des Allnaberglandes nach einem Eintrag von Pfarrer Grebe im Michelbacher Kirchenbuch 1804 begann. Zudem wurde nun wenigstens im Winter die Haustaufe eingeführt, um die neu geborenen Kinder vor Infektionen zu schützen. Zur Taufe wurden meist auch die kleinen Kruzifixe mit einem Corpus aus Metallguss oder Bisquitporzellan angeschafft, die noch in einigen Häusern erhalten sind.

Zu sehen ist das Exponat des Monats in einer Vitrine in der Schlossküche, wo Besucher jeden Monat ein Exponat besichtigen können, das üblicherweise im Depot gelagert ist und sonst nur zu passenden Sonderausstellungen gezeigt werden kann (Öffnungszeiten: 1. April bis 15. November, dienstags bis sonntags: 10 – 18 Uhr).

Quelle: Stadt Marburg – Pressestelle

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