Energiewechsel

Marburg: Exponat des Monats Oktober 2009 im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf

Pressemeldung vom 30. September 2009, 11:03 Uhr

Gemälde von Theodor Plitt zeigt das Schloss Biedenkopf

Marburg. Das bis in die Gegenwart hinein weit verbreitete Bild von „der Burg“ – von ihrem Aussehen, aber auch von dem vermeintlichen „Ritterleben“, das in ihr stattfand – hat mit der Realität des Mittelalters oft nicht viel gemein. Dies macht auch das Exponat des Monats Oktober im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf deutlich. Das Exponat zeigt eine von dem Malermeister und Kunstmaler Theodor Plitt (*30.11.1862, Biedenkopf, 23.3.1941, Biedenkopf) gemalten Raumdekoration mit einer Stadtansicht von Biedenkopf.

Die „malerischen“ Zinnen am Bergfried und an den Mauern des Schlosses Biedenkopf entstanden während einer Restaurierung 1843 bis 1847 und stammen keineswegs aus der ursprünglichen Bauzeit.

Allzu sehr ist dieses Bild von einschlägigen Darstellungen beeinflusst: Angefangen von Burgen in Märchen, Sagen und Schauerromanen über die vielen romantischen Burg- und Schlossneubauten des 19. Jahrhunderts bis hin zu Burgen im Film. Herausgebildet hat sich dieses mythisch aufgeladene Bild der Burg freilich bereits seit dem Spätmittelalter, der Zeit also, als das eigentliche „Burgenzeitalter“ zu Ende ging. Damals verloren die Burgen zunehmend sowohl ihre Funktion als Wehrbau wie auch als Herrschaftszeichen. Ihr Unterhalt wurde unrentabel, das Wohnen in ihnen entsprach nicht mehr den Idealen einer zunehmend verfeinerten adligen Gesellschaft. Indem die Burgen aus der realen Lebenswelt der Menschen verschwanden, wurden sie frei für phantastische Vorstellungen und damit für Mythisierung und Sagenbildung. Mit wachsendem Abstand zum Mittelalter steigerte sich auch die Irrealität des Burgenbildes naturgemäß weiter. Obwohl bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Bautypus „Burg“ einsetzte und sich die Burgenforschung als eigenständige Disziplin entwickelte, ändert sich das landläufige Bild von „der Burg in den Köpfen“ bis heute nur langsam. Um wieviel stärker muss es noch 1938 wirksam gewesen sein, als Theodor Plitt das ausgestellte Bild malte.

Schloss Biedenkopf 1938
Carl Pfeil jr., der Konservator des damaligen Heimatmuseums im Schloss Biedenkopf und Sohn des Museumsgründers, führte zwischen 1933 und 1937 Ausgrabungen im nördlichen Schlossareal durch, ab 1936 mit Hilfe einer Abteilung des Reichsarbeitsdienstes. Er konnte dabei die Reste der ursprünglichen Burganlage aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts freilegen und so deren bis dahin unbekannte Ausdehnung feststellen. Maßgeblich unterstützt wurden die Arbeiten durch den Biedenkopfer Landrat Alfred Pönisch, auf dessen Initiative hin der Landkreis das Schloss im Jahr 1937 vom Land Preußen kaufte. Diese öffentliche Aufmerksamkeit rund um das Schloss und die Ausgrabung werden Theodor Plitt wohl zu seinem Gemälde animiert haben, zumal er mit Carl Pfeil jr. auch persönlich befreundet war.

Die von Pfeil freigelegte große Burg war im Lauf des 13. Jahrhunderts verfallen, jedoch geht der bis heute bestehende Bergfried noch auf diese erste Bauphase zurück. Das Schloss in seinem jetzigen Umfang entstand vermutlich durch einen Neubau zwischen 1293 und 1297, später kamen noch verschiedene Bauteile hinzu, so der ab 1455 errichtete Palas. Im Anschluss an weitere Ausgrabungsarbeiten nach 1979 wurden die seit 1933 freigelegten Mauern in der heute sichtbaren Weise restauriert und teils neu aufgemauert.

Das Gemälde Plitts ist offenbar wesentlich von den verbreiteten Idealbildern mittelalterlicher Burgen beeinflusst. Es greift zwar den bei der Grabung zutage getretenen Umfang der Burg des 12. Jahrhunderts auf, zeigt jedoch viele nicht nachweisbare Bauten und Bauteile und im Einzelnen zudem eher spät- als hochmittelalterliche Bauformen. Unzweifelhaft hat das Schloss Biedenkopf so wie in Plitts Gemälde weder „um das Jahr 1300“ noch später jemals ausgesehen.

Gestiftet wurde das Gemälde im Juli 2009 von Gernot Plack. Theodor Plitt war der Urgroßvater von dessen Ehefrau Lucie, geb. Plitt. Vermittelt wurde es durch Karl Heinz Schneider (Schlossverein Biedenkopf e. V.).

(Öffnungszeiten des Hinterlandmuseums: 1. April bis 15. November, dienstags bis sonntags: 10 bis 18 Uhr).
Quelle: Stadt Marburg – Pressestelle

Share on Facebook Share on Google+

 Hinweis