Energiewechsel

Michelstadt: Beschriebene Schätze, die darauf wartet, gehoben zu werden

Pressemeldung vom 2. Juni 2015, 13:21 Uhr

Studienseminar aus Heidelberg erkundet Schlossarchiv und -bibliothek von Schloss Fürstenau

Michelstadt-Steinbach. Schloss Fürstenau, dem Stammsitz der Linie Erbach-Fürstenau des Odenwälder Grafengeschlechts, ist nicht nur für Romantiker so etwas wie der Inbegriff eines Märchenschlosses. Mit seinem über 14 Meter langen Schwibbogen und seiner idyllischen Lage im Grünen erweckt das frühere Wasserschloss den Anschein, die Zeit sei stehengeblieben. Gleiches empfindet der Besucher, wenn er in dem gegenüber liegenden Gebäude das Schlossarchiv und die Schlossbibliothek betritt. Das Palais ist so etwas wie das Geschichtsbuch und das Gedächtnis der gräflichen Linie, die außer Steinbach und Michelstadt die Gemeinden rund um Beerfelden zu ihrem Herrschaftsgebiet zählen durften. Damit war es 1806 vorbei, denn mit dem Rheinbund wurden die Grafschaften aufgelöst und der Odenwald politisch dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt zugeordnet.
So viel zur Vorgeschichte, mit der Louis Graf zu Erbach-Fürstenau die elf Germanistikstudenten am Freitag am Ort ihrer Exkursion „Handschriften und Drucke aus den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts“ willkommen hieß. Stationen der zweitägigen Visite in Michelstadt waren ferner die Einhardsbasilika, ein Besuch in der Nikolaus-Matz-Bibliothek und ein geführter Stadtrundgang, dies unter fachkundiger Begleitung von Bibliothekskenner Erwin Müller. Auch für Professor Dr. Thomas Wilhelmi von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften war der Aufenthalt an den historisch wertvollen Stätten von Michelstadt so etwas wie ein Heimspiel. Der Fachmann ist häufig in Schloss Fürstenau zu Gast und schätzt es sehr, die literarischen Fundstücke gemeinsam mit Müller nach und nach zu sichten und zu katalogisieren. Da liegt es nahe, dass die eine oder andere Entdeckungsreise, die sich jetzt schon dabei aufgetan hat, auch bei der Exkursion eine Rolle gespielt hat. Diese diente als „Einführung in die philologisch-historischen Hilfswissenschaften, Paläographie (Handschriftenkunde) und Druckkunde“, ging Wilhelmi auf die Inhalte des Seminarmoduls ein, das im universitären Lehrplan der Fakultät Mediävistik (Mittelalterforschung) zuhause ist. Auf die Einführung von Kreisarchivarin Anja Hering hin wurden überlieferungsgeschichtliche und editorische Fragen erörtert und ausgewählte Texte in Handschriften und Drucken (Inkunabeln) aus den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts auszugsweise gelesen.
Den Studierenden offenbarte sich ein spannender Einblick: Hier eine Landkarte aus dem Jahr 1752, dort Auszüge aus den wissenschaftlichen Studien oder Tagebuchaufzeichnungen von Graf Albrecht (1787 – 1851), der sich als volksnaher und sozial engagierter Mann großer Beliebtheit erfreute. Am Beispiel von Graf Georg, auch „der Bauwütige“ genannt, schärfte dessen Nachkomme beim Schlossrundgang den Blick auf die architektonischen Veränderungen des Schlosses, das einst als Schutzburg angelegt worden war. Im Archiv schlummern rund 3000 Karten und mehrere hundert Meter laufende Akten über das Grafenhaus, vieles davon handschriftlich verfasst. Zusätzlich erbringt die Bibliothek mit ihren über 6000 gedruckten Büchern und rund 3000 Broschüren den Beweis für den hohen Bildungsgrad der Grafen von Erbach-Fürstenau. Graf Albrecht hat zeitgenössische Theaterstücke im Schloss aufführen lassen: Im Publikum saßen Einwohner von Steinbach; auf der Bühne unterhielten Mitglieder der Grafenfamilie. Diese und andere spannenden Geschichten, zu denen jede Menge Aufzeichnungen angefertigt wurden, eignen sich bestens zur wissenschaftlichen Aufarbeitung, luden Wilhelmi und die Gastgeber die jungen Leute dazu ein, die schlummernden Schätze sich näher anzusehen. Das Grafenhaus pflegt die Tradition, seine Pforten für Studien offen zu halten.

Quelle: Stadt Michelstadt

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