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Odenwaldkreis: Gesundheitsversorgung – Brückenschlag zwischen Politik und Medizin

Pressemeldung vom 29. Juni 2011, 13:56 Uhr

Planungskonferenz macht ersten Schritt auf dem Weg, absehbare Probleme in der ärztlichen Versorgung für die Region zu lösen

Problem erkannt – Gefahr gebannt? So einfach ist’s in diesem Fall schon mal gar nicht, denn der Fall ist durchaus kompliziert. Rasches Handeln sei notwendig – diese Schlussfolgerung hatte Landrat Dietrich Kübler bereits Ende März dieses Jahres gezogen, als die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen die „Ist-Analyse“ zur Versorgung des Odenwaldkreises mit Hausärzten vorstellte. „Wir rufen eine Gesundheitsversorgungs- und Planungskonferenz für den Odenwaldkreis ins Leben“, kündigte Kübler damals an. Die Konferenz solle die aktuelle Situation analysieren und „konkrete Handlungsempfehlungen“ erarbeiten.
Diesem Auftrag stellte sich nun am 22. Juni im Gesundheitszemtrum Odenwaldkreis in Erbach eine gut 90 Personen starke Fachtagung. Als eines ihrer Resultate bleibt ein Brückenschlag zwischen Politikern der kommunalen Ebene und Medizinern in der Region, dem fürs Erste wohl schon eine solide Standfestigkeit attestiert werden kann. Darin stimmten nicht nur der Leiter des Kreisgesundheitsamtes Dr. Ulrich Falk und Kreistagsvorsitzender Rüdiger Holschuh überein. „Aufbruchsstimmung“ sah der Doktor im großen Interesse an dem abendlichen Treffen, während der Mann aus der Politik feststellte, erstmals seien „Politiker und Ärzte so beisammen wie heute“.
Unter gewandter Leitung von Achim Moeller (Agentur „The LeaderShip“ / Wiesbaden) entfaltete sich eine zeitweise emotionale, nicht zuletzt deshalb aber in ihren vielen Facetten glaubwürdig wirkende Diskussion mit reger Beteiligung – ausgehend von Grundsatzerklärungen der Podiumsteilnehmer Patricia Kaczmarek (Kassenärztliche Vereinigung), Dr. Hans Leinberger (Vorsitzender des Gesundheitsnetzes Odenwald), Dr. Ingo Drehmer (Vorsitzender der Genossenschaft Odenwälder Ärzte) sowie Dr. Ulrich Falk.
Unverblümt kamen vor allem die Sorgen und Nöte der praktizierenden Ärzteschaft zu Sprache, zumal niemand wirklich besser weiß, wie schwierig die Zukunft der medizinischen Versorgung aussieht, wenn um die 30 der jetzt noch rund 70 Hausärzte in den nächsten zehn Jahren aus Altersgründen ihre Praxis aufgeben. Einfache Lösungen seien hier nicht zu finden, diese Erkenntnis floss nach knapp drei Stunden ins Schlusswort von Landrat Kübler. Er betonte noch einmal, das Problem brenne unter den Nägeln, benannte aber auch einen, wenn nicht den Knackpunkt der Gesamtsituation, deren roter Faden zweifelsfrei in der Frage nach der Finanzierbarkeit politischen Handelns im Interesse der von Bürgerinnen und Bürgern verlangten Gesundheitsversorgung besteht. Die „chronische monetäre Unterversorgung der ländlichen Region“ bilde ein kaum zu überwindendes Hindernis. Dies beschrieb Dr. Leinberger mit dem Satz „Es ist ein Unding, wenn Mangel den Mangel finanzieren muss“.
Die Vielzahl an Erkenntnissen aus der Planungskonferenz mündete schließlich mit dem Blick auf – siehe oben – „konkrete Handlungsempfehlungen“ in dem von breiter Zustimmung begleiteten Vorschlag, eine Steuerungsgruppe (Beteiligte: Kassenärztliche Vereinigung, Hausärzte, Gesundheitsnetz, Vertreter der Kommunalpolitik, Öffentlicher Gesundheitsdienst und Gesundheitszentrum Odenwaldkreis) zu gründen, die sich der Kernproblematik annimmt. Weitere Arbeitsgruppen sollen sich deren kaum weniger gravierenden Teilaspekten widmen. Einer davon ist die seitens der Mediziner als entschieden zu hoch eingeschätzte Belastung durch den ärztliche Bereitschaftsdienst.
Antworten finden sollen die Mitwirkenden auf Fragen wie die nach den Widersprüchen von Bedarfsplanung und Versorgungssteuerung oder danach, wie junge Ärzte für die Nachfolge in den vom Leerstand bedrohten Praxen gewonnen werden könnten. Ohne eine (weitere) Stärkung des Standortes in Bildung und Betreuung, Wirtschaft und Kultur wird dies nicht möglich sein. Dietrich Kübler hatte in diesem Zusammenhang schon bei seiner Begrüßung die flächendeckende Ausstattung des Kreisgebietes mit dem schnellen Internet (Breitband) als eines der Pfunde genannt, mit denen der Kreis wuchern kann.
Die lebhafte Diskussion machte weiter deutlich, dass das überlieferte Bild vom Allgemeinmediziner als dauerhaften „Partner“ des Patienten gegenüber den Anforderungen der Gegenwart verblasst. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, so die weitgehend akzeptierte Darstellung von Dr. Falk, müssten tragfähige Netzwerkstrukturen geschaffen werden, einschließlich neuer Querverbindungen innerhalb der Notfallversorgung. Nicht zu unterschätzende Bedeutung kommt auch der – eher eingeschränkten – Mobilität der älter werdenden Bevölkerung zu. „Die Frage heißt: Wie bringen wir die Patienten zum Arzt – nicht umgekehr“, sagte Dr. Drehmer zu diesem Thema. Angesprochen wurden zudem neue Kooperationsformen für Praxen in der Region. Im Allgemeinen vertraten die Mediziner die Ansicht, dass sich Praxis-Gemeinschaften bereits seit längerem bewährt haben und weiter bewähren werden.
Immerhin: Die Gefahr ist zwar bei weitem nicht gebannt, das Problem aber tiefgehend erkannt – dieses Fazit erlaubt der Blick auf die erste Planungskonferenz zur Gesundheitsversorgung im Odenwaldkreis. Die große Runde ging nicht ohne die Zuversicht auseinander, die Herausforderungen könnten zu meistern sein. Dies nicht zuletzt deshalb weil Politik und Medizin zum Dialog fanden, wo sie zuvor zwar redeten – aber nicht unbedingt miteinander. Hoffnung schöpfen sollen sie aus der Kooperationsvereinbarung der Kassenärztlichen Vereinigung mit dem Hessischen Landkreistag (HLT), die sechs Handlungsfelder benennt, wie Patricia Katzmarek darlegte. Eines davon sollen Gesundheitskonferenzen aus Landkreisebene beackern. Im Odenwaldkreis sieht’s seit dem 22. Juni 2011 so aus, als sei hier mehr als nur ein Anfang gemacht. Doch – als Mahnung an die Akteure, ausgesprochen von Dr. Horst Bradler (Michelstadt) bleibt: „Nicht zurücklehnen“. Schließlich geht’s um nicht weniger als die Sicherstellung einer flächendeckenden, gut zugänglichen, nachhaltigen, bedarfsgerechten und qualitativ hochwertigen ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum.

Quelle: Odenwaldkreis / Pressestelle

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