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Odenwaldkreis: Mit kulturellem Wandel gegen eine grausame Tradition

Pressemeldung vom 13. Februar 2015, 08:47 Uhr

Ausstellung Fulda-Mosocho-Projekt weist auf wirkungsvolle Hilfen für Mädchen und Frauen in Kenia hin

Im Landratsamt in Erbach ist am 11. Februar 2015 eine außergewöhnliche Ausstellung eröffnet worden. Das überaus sensible Thema bewegte die Gleichstellungsbeauftragte des Odenwaldkreises schon seit längerem, wie sie in ihrer Ansprache deutlich machte. Petra Karg war im Sommer vorigen Jahres auf diese Schau des Fuldaer Vereins LebKom (Lebendige Kommunikation mit Frauen in ihren Kulturen) und dessen Projekt in Kenia aufmerksam geworden. Daraufhin hatte sie „der Gedanke nicht losgelassen, dass wir doch auch die Menschen im Odenwald für die leider noch immer tabuisierte Thematik der weiblichen Genitalverstümmelung sensibilisieren können“ und sah sich durch den gelungenen ehrenamtlichen Einsatz der Fuldaer Institution ermutigt, Gleichgesinnte zu suchen. Karg gewann den Trägerverein des Odenwälder Frauenhauses dafür, besagte Ausstellung hierher zu holen und übernahm die Schirmherrschaft für dieselbe gleichermaßen wie für eine ganze Reihe von begleitenden Veranstaltungen. Annegret Vogel, die zu Beginn der Vernissage ihrer Freude darüber Ausdruck verlieh, dass der historische Sitzungssaal der Kreisverwaltung bestens gefüllt war, unterstrich vor allem die soziale Bedeutung des Problems.
„Wonder of the Female Body – Weibliche Genitalverstümmelung in Afrika – WIE ein kultureller Wandel zu erreichen ist“ ist der Titel der Sammlung großformatiger Bilder, Texttafeln und Originalexponaten aus dem afrikanischen Land Kenia, dem Kampf gegen eine grausame Tradition gewidmet, der sich für eine Protagonistin von LebKom zum erfolgreichen Beispiel für Entwicklungshilfe im weiteren Sinn gestaltet. Diplom-Sozialpädagogin Kerstin Hesse ist ein, wenn nicht das Gesicht des Fulda-Mosocho-Projektes in der Region Mosocho inmitten von Kenia. Innerhalb weniger Jahre gelang es dort, 20.000 Mädchen vor der Tortur der Beschneidung zu bewahren und zu schützen, die zuvor 98 Prozent aller Mädchen bedrohte.
Der 6. Februar ist der „Welttag gegen weibliche Genitalverstümmelung“. Die zeitliche Nähe zu der für vier Wochen im Odenwaldkreis Halt machenden Wanderausstellung nahm Landrat Dietrich Kübler in seinem Grußwort zum Anlass, den Kampf gegen jegliche Formen von Gewalt an Frauen und für den Schutz vor Gewalt als gesellschaftliche Aufgabe hervorzuheben. So begrüßte er es besonders, dass der Verein Odenwälder Frauen zusammen mit der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises über die Missstände informiert, die aus schrecklicher Überlieferung in vielen Völkern erwachsen waren und bei ihnen nach wie vor als Ritual eine rigorose Realität darstellen.
Wie dieser Wirklichkeit wirksam zu begegnen ist, das zeigte Kerstin Hesse mit ihrem umfassenden Vortrag eindrucksvoll auf. Die Leiterin des Fulda-Mosocho-Projektes ist darin seit 2003 engagiert, sie lebt und arbeitet seit zwölf Jahren in Kenia. Wie sie ausführte, gründet der Erfolg der Arbeit nach dem „WertZentrierten Ansatz“ (WZA) auf einer Vielzahl von Schritten, die der einheimischen Bevölkerung den Weg zu kulturellem Wandel weisen, ohne den Kenianer Männern und Frauen westliche Werte und Normen aufbürden zu wollen.
Viel überzeugender gelingen Unternehmungen der aufklärenden Art, wie die Referentin darlegte. Sie wirkt über die entsprechende Zusatzqualifikation als Anti-FGM-Fachkraft (FGM steht für Female Genital Mutilation = Webliche Genitalverstümmelung) und stellt sich der entscheidenden Frage, „was es eigentlich braucht, damit Mädchen und Frauen endlich nachhaltig und flächendeckend vor der Genitalverstümmelung geschützt werden können“. Aufklärung darüber vermittelt die Ausstellung von LebKom, die Ehrenamtliche aus Deutschland und Aktive des Fulda-Mosocho-Projektes in Afrika erstellt haben. Aufgezeigt wird, wie ein kultureller Wandel zum Wohl von Mädchen und Frauen zu erreichen ist, welche Problemlösungen gute und erfolgreiche Entwicklungszusammenarbeit anzubieten hat und was Politik und Gesellschaft – und das meint alle Menschen – dazu beitragen können, für Mädchen eine unversehrte, gesunde und gleichberechtigte Zukunft zu erhalten – unabhängig davon, wo sie aufwachsen.
Mit möglichst vielen Menschen gleichzeitig zu arbeiten, diese Absicht setzten die Kenianer in der Mosocho-Region mit der Maßgabe um, „die Männer ins Boot zu holen“, und zwar in der Weise, dass sie sich in die Psyche des Mädchen oder Frau einfühlen sollten. Seminare für Lehrkräfte bildeten im übertragenen Sinn das Sprungbrett zu einem Umfeld, in dem partnerschaftliches Verständnis und Vertrauen gedeihen sollten. Lehrer sind es, denen zugestanden wird, Tabus und Traditionen in Frage zu stellen. Sie finden Gehör, wenn sie ungewöhnliches, neues Wissen vermitteln. So liegt der Schlüssel zum Projekt-Erfolg in seinem „Herzstück“, wie Kerstin Hesse erklärte: In Fort- und Weiterbildungsprogrammen nach dem WZA, spezifisch entwickelt mit dem Blick auf anzusprechende Zielgruppen. Der Erwerb neuen Wissens eröffne den Weg für einen „liebevollen und friedvollen Umgang in Partnerschaft und Sexualität“. Ein schönes Zitat fügte die Projektleiterin an, ein Wort des Senior Chiefs Richard Nyakundi: „Ihr hab Frieden in unsere Familien gebracht“.
Das Fulda-Mosocho-Projekt möchte seinen Wirkungskreis auf Nachbarregionen in Kenia so ausdehnen, dass auch dort Kinder, Mädchen wie Jungen, „von Geburt an in einer wertschätzenden und beschützten Umgebung gesund aufwachsen dürfen, unabhängig von ihrem Geschlecht gefördert werden und Zugang zu Bildung haben.“
Wer mehr darüber wissen möchte oder mithelfen will, kann nachschauen unter www.fulda-mosocho-project.com
Aufgeweckt-aufmunternd und mitreißend: Ursprünglich-urwüchsige Musik der Band Bingoma versetzte die Vernissage-Gäste inspiriativ nach Afrika. Nach der offiziellen Eröffnung konnten sie zudem anhand afrikanischer Spezialitäten, die Schülerinnen und Schüler des Beruflichen Schulzentrums Odenwaldkreis (BSO) zubereitet hatten, das leibliche Wohl pflegen.
Die Ausstellung „Wonder of the Female Body – Weibliche Genitalverstümmelung in Afrika – WIE ein kultureller Wandel zu erreichen ist“, gefördert von „Engagement Global“ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie vom Hessischen Wirtschaftsministerium, wird im Landratsamt in Erbach noch bis einschließlich Freitag, 13. März, montags, dienstags und freitags von 8:00 bis 12:00 Uhr sowie donnerstags von 8:00 bis 12:00 Uhr und 14:00 bis 17:30 Uhr zu sehen sein. Bis dahin begleiten etliche interessante Veranstaltungen die Schau – gemeinsam koordiniert vom Verein Odenwälder Frauenhaus und der Gleichstellungsbeauftragten des Odenwaldkreises. Bei ihr erhalten Interessierte auch nähere Informationen: Petra Karg, Telefon 06062 70-222, E-Mail: p.karg@odenwaldkreis.de

Weltweit leiden 125 Millionen Mädchen und Frauen ihr Leben lang an den körperlichen und seelischen Folgen des Rituals der weiblichen Genitalverstümmelung – eine der schwersten Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Mädchen. In Afrika kommen täglich Tausende hinzu. In Deutschland leben Schätzungen zufolge rund 30.000 Mädchen und Frauen, die betroffen oder bedroht sind. Am 6. Februar erfolgte mit dem „Zero-Tolerance-Day“ zum 13. Mal der weitweite Aufruf, der schweren Menschenrechtsverletzung endlich ein Ende zu setzen. Bis heute ist das Thema brandaktuell und die Zahlen sind alarmierend – auch im Jahr 2014 kamen wieder rund drei Millionen Mädchen und Frauen hinzu.

Quelle: Odenwaldkreis / Pressestelle

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