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Raunheim: Mit dem Bollerwagen ab nach draußen

Pressemeldung vom 7. August 2009, 13:30 Uhr

Kinder vom Waldkindergarten sind ausgeglichen und aufgeschlossen

Raunheim. Svitlana Rizzo sprüht ihrer Tochter Alissa noch schnell die Beine mit Spray ein. „Gegen Zecken und Mücken“, sagt sie. Ihr Kind geht in den Waldkindergarten, da sind solche Sachen wichtig. Jacken für jedes Wetter hängen am Kleiderhaken in dem Raum in der Anne-Frank-Schule. Dort hat der Waldkindergarten sein Domizil – ein großer Raum, voll Spielzeug, Büchern und Sammelstücken, von dem aus es jeden Tag raus in die Natur geht.

Um 7.30 Uhr werden die ersten Kinder gebracht. Eine Stunde später geht es mit dem Bollerwagen ab in den Wald. „Wo wollen wir heute hin?“, fragt Andrea Oppermann, die Leiterin des Waldkindergartens die Kleinen und schon regnet es wundersame Begriffe: Auf den Pilzplatz, den Geisterplatz oder auf die Krokodilswiese wollen sie. Offizielle Flurnamen sind das keine. „Die haben sich die Kinder selbst ausgedacht“, erläutert Oppermann. Auf der Krokodilswiese etwa liegt ein dicker Eichenstamm, der aussieht, als hätte er ein großes Maul.

Das Areal des Kindergartens erstreckt sich vom Bauersee bis zum Rüsselsheimer Ostpark. Zwischen fünf Minuten und einer dreiviertel Stunde sind die Kinder zu ihrem jeweiligen Tagesziel unterwegs. Meist rennen sie vorneweg, sie lernen aber, in Hör- und Sichtweite zu bleiben.

Manchmal gibt es schon auf dem Weg viel zu entdecken. Im Bollerwagen liegen deshalb Lupendosen, Eimer, Schippen, Bestimmungsbücher, Werkzeuge wie Hammer und Säge oder auch ein Fernglas, zählt Erzieher Tobias Leipold auf.

„Wir haben schon mal einen Fuchs-Knochen gefunden“, erzählt die sechsjährige Mirja. Gruselig finden sie und ihre Freundin Anna das nicht. Eigentlich ganz normal. „Das ist nur eine der Kompetenzen, die die Kinder bei uns entwickeln: Der Umgang mit dem Tod“, erläutert Andrea Oppermann. Die Waldkinder trainieren genau wie alle Kindergartenkinder im Spiel die Fertigkeiten, die sie für ihr späteres Leben brauchen, wie etwa Fein- und Grobmotorik. Nur eben mit anderen Materialien und in der freien Natur: Sie malen mit den Fingern im Sand, basteln mit Steinen, Blättern, Zweigen.

Die Jungen und Mädchen üben Rechnen, wenn sie im Morgenkreis feststellen, dass vier Kinder fehlen. Und sie üben Sozialverhalten. „Im Wald müssen sie einander viel mehr helfen – so lernen sie, Lösungen gemeinsam zu erarbeiten“, sagt die Kita-Leiterin. Außerdem kräftigt die viele Bewegung die Muskeln der Kinder und regt in Kombination mit den vielen Sinneswahrnehmungen auch die Hirnzellen an.
„Wir bekommen von den Schulen positive Rückmeldungen“, sagt Mario Klauer, bei der Stadt Raunheim als Fachdienstleiter für die Kindergärten verantwortlich. „Unsere Waldkinder sind nicht pfiffiger als die anderen, aber ausgeglichener und aufgeschlossener, zeigen mehr Mut, Neues auszuprobieren.“ Deshalb wurde das, was 2006 als Pilotprojekt startete, zum Regelangebot ausgebaut. Mittlerweile können sogar Kinder, die einen Ganztagsplatz brauchen, den Waldkindergarten besuchen. Mittags werden sie im nahen Kindergarten Drachenland betreut.
Quelle: Stadt Raunheim – Pressestelle

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