Energiewechsel

Seligenstadt: Große Beteiligung beim vierten Jubiläumsvortrag „Das Rhein-Main-Gebiet im Mittelalter – eine europäische Innovationsregion“

Pressemeldung vom 27. April 2015, 15:03 Uhr

Der freundlichen Wegweisung „20 Meter links in die Fertigungshalle bitte“ folgten am Sonntagmorgen des 26. Aprils rund 200 Geschichtsinteressierte zu einem außergewöhnlichen Vortrag an einem außergewöhnlichen Ort.

In der Fertigungshalle des Seligenstädter Kompensatorenherstellers DEKOMTE de Temple fand der vierte Jubiläumsvortrag satt. Hierbei richtete sich der renommierte Professor Dr. Stefan Weinfurter, Heidelberg, mit dem über die Zeiten aktuellen spannenden Thema „Das Rhein-Main-Gebiet im Mittelalter – eine europäische Innovationsregion“ an die Zuhörerschaft.

In einer hohen für diesen Tag bestuhlten Produktionshalle, neben Palettenregalen und entlang der Fertigungstische sitzend, spürten die Anwesenden gleich den Geist dieses Vortrages. Man befand sich passender Weise an einem Ort, an dem tatsächlich Innovation zu Produkten wird. Ein Erleben, das der Referent mit großer Leichtigkeit vom Mittelalter bis in die Jetztzeit aufrecht hielt. Tenor des Vormittags: das Rhein-Main-Gebiet war und ist eine Vorzugsregion, seit dem Mittelalter bis heute.

Bürgermeisterin Dagmar B. Nonn-Adams begrüßte zu Beginn der Veranstaltung auf „heimischer Gemarkung“ im „gastlichen Gebäude“ und bedankte sich bei Firmengründer Günther de Temple und der Gesellschaftsführung, die nicht nur ins Unternehmen eingeladen, sondern die Vortragsveranstaltung auch gesponsert hatten. Sie dankte dem international agierenden Unternehmen für zahlreiche kulturelle, hochkarätige Ereignisse und beschrieb die „Wirtschaftsförderung“ vor Ort in Praxis.

DEKOMTE-Geschäftsführer Dr. Ulrich Stöhrer skizzierte ein kurzes Firmenporträt für die Anwesenden und machte deutlich, dass „Innovation jeden Tag neu anfängt“. Der Kompensatorenhersteller beschäftigt weltweit 490 Mitarbeiter, davon 45 in der Firmenzentrale in Seligenstadt. Dr. Stöhrer wies darauf hin, dass in der Seligenstädter Belegschaft 12 Nationen vertreten sind und somit ganz im Sinne Karls des Großen der Input verschiedener Kulturkreise erfolgreich zusammengeführt ist.

Bevor Professor Weinfurter das Rednerpult bestieg, stimmte das Johannes Wallbaum Trio mit Klavier, Kontrabass und Schlagzeug passend schwungvoll in das spannende Thema einer seit dem Mittelalter pulsierenden Region ein. Professor Weinfurter schaffte es mit seiner launigen Art und seiner angenehm sonoren Stimme dies mit Worten fortzuführen.
„Seligenstadt hatte von Anfang an gute Vorraussetzungen, etwas Großes zu werden“, fing der Historiker auch gleich alle Anwesenden ein. Er erläuterte, dass bereites zu Zeiten der Schenkung von Ludwig dem Frommen an Einhard vor 1200 Jahren das damalige Mulinheim über beachtlich 19 Bauernställe und über eine aus Stein gebaute Kirche verfügte. Natürlich spielte nicht nur die Region, in der Einhard lebte, eine große Rolle, sondern auch Einhard selbst. Allen voran für Seligenstadt, in dem er „eine der aufregendsten Diebstahlsgeschichten“ – die Entwendung der Gebeine der Märtyrer Marcellinus und Petrus aus Rom – initiierte und somit Seligenstadt zur Pilgerstätte für Menschen aus ganz Europa machte. Mit den Reliquien der Märtyrer in der Einhardbasilika stieg Seligenstadt in die „europäische Heiligenelite“ auf.

Aber nicht nur Seligenstadt direkt, sondern auch die Region profitierte von dem vielseitigen Gelehrten und Biografen Karls des Großen. Einhard zeichnete als Architekt für den Bau der damals einzigen Rheinbrücke verantwortlich. Augenzwinkernd warf Weinfurter mit Blick auf die Schiersteiner Brücke in den Raum, das sein Wissen vielleicht heute noch hilfreich sein könnte.

Die Region Rhein-Main war geprägt durch Karl den Großen und Bonifatius, Erzbischof von Mainz. Der Einfluss der beiden Männer machte die Rhein-Main-Region zur „Drehscheibe der kaiserlichen Politik um 800, zum Herzen des karolingischen Frankenreichs“. Ein klares Zeichen für die frühe Bedeutung dieses Gebietes zeigte sich auch durch die einzigartige Dichte an Kaiserpfalzen. Städte wie Mainz, Frankfurt, Worms, die Universitätsstadt Heidelberg und Speyer mit seinem Dom, für den Professor Weinfurter nur Superlative bereit hielt, spiegelten neben dem bedeutenden Rhein, auf dem bereits im Mittelalter Rheingauer Wein nach England transportiert wurde, den Höhenflug diese Gebietes wieder. Es war eine der pulsierensten und produktivsten Regionen des westlichen Europas und Gewürze wie Pfeffer und Ingwer im Angebot auf den Märkten keine Besonderheit.

Das Rhein-Main-Gebiet kann nach Einschätzung von Professor Weinfurter als Innovationsregion bezeichnet werden, da es diesen Status über Jahrhunderte hinweg beibehalten hat und da es nachhaltig vier Voraussetzungen erfüllt: Das Vorhalten von erstklassigen Verkehrssystemen, Rhein und Main hatten schon im Mittelalter die Bedeutung heutiger „Autobahnen Europas“. Die geografische Lage mit den klimatischen Gegebenheiten und dem damit einhergehenden Reichtum etwa an Getreide, Wein und Obst, sowie die politische und zivile Verwaltung. Zuletzt dürfen auch nicht die sozialen und kulturellen Impulse fehlen, das Vermitteln von universitärem Wissen. Der Referent machte abschließend noch mal deutlich, dass nur wenn alle vier Bausteine fruchtbar ineinander greifen sich eine Innovationsregion bildet und beendete damit unter großem Applaus seinen spannenden Vortrag.

„Ich bin absolut begeistert, dass sich so viele Menschen an einem Sonntagmorgen hier einfinden. Das zeigt uns, wie richtig wir lagen, diese Vortragsreihe anzubieten“, machte Karl Weber, Direktor der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, im Gespräch deutlich.

Der fünfte Jubiläumsvortrag findet am Dienstag, dem 5. Mai um 20 Uhr im Großen Sitzungssaal des Seligenstädter Rathauses statt. Dann heißt es: „Nächste Ausfahrt Seligenstadt – unterwegs auf alten Geleits- und Handelswegen“. Referentin ist die in Seligenstadt bestens bekannte und seit vielen Jahren verankerte Kulturanthropologin Heidrun Merk M.A.. Der Eintritt ist frei, eine Voranmeldung nicht notwendig.

Quelle: Stadt Seligenstadt

Share on Facebook Share on Google+

 Hinweis