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Vogelsbergkreis: Professor Stang – „Unser Land kann sich nicht leisten, jemanden zurück zu lassen“

Pressemeldung vom 25. September 2009, 10:16 Uhr

30 Fachleute diskutierten im Kreishaus im Rahmen von
HESSENCAMPUS über neue verlässliche Bildungsstrukturen

Vogelsbergkreis. Landrat Rudolf Marx und Bildungsfachleute waren sich während einer Tagung im Rahmen von „HESSENCAMPUS Vogelsberg“ im Lauterbacher Kreishaus schnell einig: „Bildung ist – gerade im ländlichen Raum – ein Standortfaktor.“ Was das konkret bedeutet, wie und durch wen verlässliche, koordinierte, bezahlbare, transparente und gut zugängliche Bildungsangebote hergestellt oder auch nur erhalten werden können – das war die spannende Frage, der sich unter anderem der Stuttgarter Medien-Professor Dr. Richard Stang in seinem Vortrag widmete. Unabweisbar für den Kommunikationsexperten: „Unser Land hat keine Rohstoffe. Wir können es uns gar nicht leisten, jemanden zurück zu lassen. Wir müssen jede Begabung und jedes Potenzial ausschöpfen.“

„Neue Lernstrukturen für die regionale Entwicklung“ – dies war das Motto der Arbeitstagung von HESSENCAMPUS Vogelsberg, zu der rund 30 Fachleute aus Politik, Bildung und Kultur – unter anderem Vertreter von Städtischen Büchereien – in den Sitzungssaal des Landratsamts gekommen waren. Wissen, Können und Bildung der Bevölkerung – so Professor Stang – entscheiden über das Wohlergehen des Landes und auch der jeweiligen Region. Einmal – in der Jugend – Wissen zu erwerben, reiche allerdings längst nicht mehr aus. Für jede und jeden stelle sich die Herausforderung und die Chance, lebenslang zu lernen. Dabei sei es wesentlich, dass jeder auf dem Niveau anknüpfen könne, auf dem er sich jeweils befinde.

Die besondere Herausforderung bestehe darin – und im ländlichen Raum insbesondere – Wissen und Begabungen auch dann zu sichern und zu mehren, wenn es erkennbar immer weniger junge Menschen gebe. Früher habe man sich „auf den Generationenwechsel verlassen können“. Aber nun führten die Geburtenzahlen dazu, dass die Bevölkerung schwinde und gleichzeitig altere. Auf den Vogelsbergkreis treffe dies in besonderem Maße zu – umso wichtiger sei es, hier verlässliche und gut erreichbare Bildungschancen zu bieten. Dies sei ein Kernbereich Vogelsberger Demografiepolitik, fügte VHS-Leiter Hans-Günter Oer an.

Rein technisches Wissen reicht nicht – es geht darum zu lernen, sich zu bilden
Neben rein technischem Wissen seien Orientierung und Verständnis der Zusammenhänge wichtig, um das Leben durch alle Veränderungen hindurch erfolgreich und glücklich führen zu können, aber auch um im Miteinander sozialen Zusammenhalt herzustellen. „Biografische Gestaltungskompetenz“ und „Gesellschaftsfähigkeit“ heißen die Fachbegriffe, hinter denen sich Wohl und Wehe verbergen. Es gehe darum zu lernen, sich zu bilden – es reiche nicht, von Zeit zu Zeit sein Wissen zu „aktualisieren“ wie bei einem Computerprogramm.

Professor Stang hob die „Rentabilität“ von Bildungsausgaben hervor. Ein investierter Euro bewirke volkswirtschaftlich das Sieben- bis Zehnfache. Bei der Bildung zu sparen, sei fatal. Der Anspruch, Bildung für alle erzielen zu wollen, dürfe nicht aufgeben werden. So mache ihm der digitale Bruch in der Gesellschaft große Sorgen: wer Abitur oder Hochschulabschluss habe, nutze zu über 70 Prozent das Internet, während nur für 30 Prozent der Hauptschulabgänger das Internet eine „Kulturtechnik“ sei. Aber natürlich reiche das Internet nicht, um den beschriebenen Bildungsanspruch zu erfüllen. Manchmal brauche es eben „fühlbare Strukturen, am besten vor Ort“ und „richtige Kommunikation“, also Gespräche und das Lernen im Austausch. Somit schaffe Bildung immer auch gesellschaftliche Integration als Zusatznutzen.

Bildung, Kultur und Wirtschaft vernetzen
Die Angebote des herkömmlichen Bildungssystems seien dieser Aufgabe für die Zukunft nicht mehr hinreichend gewachsen und vor allem nicht flexibel genug, um schnell auf neue und individuelle Anforderungen einzugehen. Es komme darauf an, Bildung genau so zugänglich zu machen, wie es die Bewohner einer Region brauchen. Bildung, Kultur und Wirtschaft sollten vernetzt werden, um flexibel den sich verändernden Erfordernissen gerecht zu werden. Einrichtungen hingegen, die mit den Veränderungen nicht Schritt hielten und deren Angebote zu wenig Interesse fänden, seien in ihrer Finanzierung und ihrem Bestand gefährdet. Anknüpfend an die Regionalstudie „Vulkan aktiv“ der Vogelsberg-Consult GmbH aus dem Jahr 2007 entwarf Stang einen Reigen von Ideen, um eine spezifische „Bildungsregion Vogelsberg“ zu entwickeln.

Drei Thesen standen am Schluss seines Referats: „Bildungsinfrastruktur ist bzw. wird ein zentraler Standortfaktor. Bei ihrer Gestaltung ist eine langfristige Perspektive für die Region zu berücksichtigen. Entscheidend für den Erfolg ist der politische Wille.“

Für die Bürger gut erreichbare Bildung braucht Koordination
Ein Ergebnis der weiterführenden Beratungen an diesem Tage war sowohl für Schuldezernent Hanns Michael Diening und weitere Mitglieder des Kreisausschusses als auch für die Vertreter der Bildungseinrichtungen, dass der Vogelsberg eine koordinierende Stelle für Bildung einrichten müsse, wenn eine langfristige und nachhaltige Planung der Angebote erreicht werden soll. Bestehende erfolgreiche Strukturen gelte es zu erhalten und weiter zu pflegen, für fehlende Angebote müssten aber neue Strukturen geschaffen werden. „HESSENCAMPUS Vogelsberg“ habe hier mit Bildungsberatung und der Entwicklung von Selbstlernzentren richtige Ansätze geliefert, betonten der Leiter der Volkshochschule, Hans-Günter Oer, und der Geschäftsführer der Vogelsberg Consult, Thomas Schaumberg.

Vorhandene Strukturen nicht verlieren
Beim nötigen Ausbau von Angeboten dürften seitherige verlässliche Einrichtungen, wie etwa Büchereien ihre Funktion nicht verlieren, unterstrich VHS-Chef Oer. Klar ist für ihn: „In modernen Lernzentren sind Schulen, Volkshochschule, Stadtbüchereien und Selbstlernzentren miteinander verbunden. Ohne Vernetzung ist das Lernen in der ländlichen Region weder gestaltbar noch finanzierbar.“
Quelle: Stadt Vogelsbergkreis – Pressestelle

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