Energiewechsel

Wetteraukreis: Die Wetterau – eine Region voller Energie (Teil 3)

Pressemeldung vom 3. August 2009, 13:26 Uhr

Wetteraukreis. „Der drohende Klimawandel ist ein Phänomen, das kein ernstzunehmender Wissenschaftler mehr leugnet. Global denken, lokal handeln heißt auch die Devise, unter der sich in der Wetterau ein Bioenergie-Bündnis gebildet hat, das mit konkreten Projekten Klimaschutzziele vor Ort verwirklichen will.“, skizziert Landrat Joachim Arnold die Zielsetzung.

In einer kleinen dreiteiligen Serie wollen wir dieses Bioenergie-Bündnis vorstellen, die konkrete Situation im Wetteraukreis beschreiben, die Potenziale und bereits umgesetzte Projekte darstellen sowie die Aussichten für die Zukunft erläutern.

Pläne gibt es bei den Mitgliedern des Bioenergie-Bündnisses Wetterau für die Zukunft eine ganze Menge. „Vor allem durch das Sonderinvestitionsprogramm Schulbau werden im Wetteraukreis fast 60 Millionen Euro zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt. Ein Teil soll auch für die energetische Sanierung von Schulen und die Erneuerung von Heizungsanlagen auf Holzbasis verwendet werden.“, so Arnold.

Zu einem wichtigen Partner könnte sich auch die Behindertenhilfe Wetterau entwickeln, die die Errichtung eines Biomassehofes im östlichen Wetteraukreis ins Auge gefasst hat. Hier könnten neue Tätigkeitsfelder für behinderte Menschen und die Erzeugung regenerativer Energien verbunden werden. Ein entsprechender Antrag auf EU-Mittel wurde bereits gestellt.

„Zu einem Renner in doppelter Hinsicht könnte sich eine fahrbare Pelletieranlage zur Erzeugung von Mischpellets aus Stroh entwickeln, die ein privater Unternehmer entwickelt hat.“, zeigt sich Landrat Arnold von neuen wirtschaftlichen Geschäftsfeldern und ökologisch sinnvollen Verwertungsmöglichkeiten angetan. Damit ergibt sich für die Landwirte vor Ort die Möglichkeit, aus den jeweils vorhandenen Grundstoffen Pellets auf dem eigenen Betrieb herzustellen, sie selbst zu nutzen oder auch zu vermarkten.

Interview mit Landrat Joachim Arnold und Kreislandwirt Herwig Marloff

Frage:
Herr Arnold, wenn wir über Biomasse als Energielieferant sprechen, kommen wir schnell auf mögliche Fehlentwicklungen.

Antwort Arnold:
Ja, da haben Sie recht und da müssen wir immer genau hinschauen. Um einseitige Entwicklungen wie beispielsweise in den USA zu vermeiden haben wir im Bioenergie-Bündnis geschaut, wie viel Bioenergiepotentiale in der Wetterau tatsächlich nutzbar sind, diese Aussagen liegen vor und waren auch Grundlage für die geplanten Bioerdgasanlagen in Wölfersheim und Altenstadt. Die Wetterauer Landwirtschaft wird immer vorrangig Lebensmittel produzieren, das war schon immer so und die stoffliche Nutzung kommt aufgrund der gegebenen Wertschöpfung immer danach.

Frage:
Wie stehen Sie denn zu der immer wieder geführten Frage „Teller oder Tank“?
Wir hatten vor zwei Jahren die Situation, dass durch mehrjährig weltweite geringere Ernten und einer drastisch gestiegenen Nachfrage nach veredelten Nahrungsmitteln und Biorohstoffen die Getreidepreise in kürzester Zeit um mehr als das doppelte gestiegen sind. Dies hat sich mittlerweile wieder ins Gegenteil umgewandelt, die Getreidepreise sind wieder auf dem alten Niveau und da ist es gut und legitim wenn unsere Wetterauer Landwirte eine zweites Standbein mit der Bioenergie haben um diese Schwankungen finanziell ausgleichen zu können und damit ihren Lebensunterhalt zu sichern. Was passiert, wenn keine Vermarktungsalternativen bestehen sieht man am Beispiel der Milch, wo unsere Milchbauern mittlerweile um die Existenz kämpfen und der Teller bei uns mehr als voll ist.

Frage:
Wie soll das verhindert werden?

Antwort Arnold:
Grundsätzlich können wir aus der Wetterau keinen spürbaren Einfuß auf die globalen Märkte nehmen. Zum anderen leben wir aber auch nicht auf einer Insel der Glückseligen. Hier müssen wir mit guten Konzepten und einem breiten Konsens nachhaltige Maßnahme für die Region auf den Weg bringen, dazu gehört auch die regionale Bioenergieproduktion und bei den Nahrungsmittel die regionale Vermarktung.

Frage:
Kann Biomassenutzung die Energiefragen der Zukunft lösen?
Biomasse wird alleine nicht die Energieprobleme lösen, da gehört ein breiter Mix aus allen regenerativen Energien, vor allem Wind und Sonne dazu. Hier haben wir noch viel Entwicklungsbedarf bis das ausreichen wird und auch wirtschaftlich zur Verfügung steht. Hier bin ich sehr zuversichtlich und hier können wir auch einen aktiven Beitrag leisten.

Frage:
Herr Marloff, die Wetterauer Landwirtschaft stellt sich immer wieder neuen Herausforderungen, welche Erfahrungen haben Sie bei den letzten Jahren mit den erneuerbaren Energien in der Landwirtschaft gemacht?

Antwort Marloff:
Gute und schlechte, dabei war für mich die größte Enttäuschung, wie der aus der Wetterau gewachsene Biodieselmarkt in den letzten Jahren durch politische Entscheidungen kaputt gemacht wurde und die Landwirtschaft im Vergleich zur Mineralölwirtschaft keine nennenswerte Lobby finden konnte. Dies war besonders schlimm, da wir die Flotte der Zuckerrübentransporter auf Biodiesel umgestellt hatten, in den Rodern Mineralöle durch umweltfreundliche Pflanzenöle ersetzt hatten und auch viele gewerbliche Speditionsunternehmen nachgezogen hatten.

Frage:
In Folge der Zuckermarktordnung wurde die Fabrik in Groß Gerau geschlossen und mittlerweile werden in der Wetterau rund 2000 ha Zuckerrüben weniger angebaut. Wie hat die Wetterauer Landwirtschaft darauf reagiert?

Antwort Marloff:
Das war ein weiterer heftiger Schlag für unsere Betriebe. Bei den getroffenen Entscheidung wurde nicht die Produktivität der guten Wetterauer Böden berücksichtigt. Aber unsere Betriebe sind dabei auf diese Veränderungen zu reagieren. Der Getreidepreis ist auch nach einem einjährigen Ausrutscher nach oben wieder auf dem Niveau der 90-ger Jahre. Das heißt für uns, wir müssen alternative Vermarktungsmöglichkeiten suchen und die Biomasseproduktion ist neben der regionalen Vermarktung von Lebensmitteln und Dienstleistungen im ländlichen Raum eine Möglichkeit. Wir produzieren in erster Linie gute und gesunde Lebensmittel, aber wenn wir keinen Absatz haben und keine auskömmlichen Preise erzielen, brauchen wir ein Ventil und die geplanten Bioerdgasanlagen in Altenstadt und Wölfersheim bieten uns hier eine Perspektive und ein neues Standbein für die Wetterauer Landwirte mit verlässlichen Partnern.

Frage:
Wie viele Landwirte ließen sich für solche Projekte gewinnen, In Wölfersheim war ja die Suche doch recht mühselig?

Antwort Marloff:
Unsere Landwirte sind aufgrund der geschilderten Erfahrungen vorsichtig, schließlich geht es ja auch um ihre Existenz. Die größte Verunsicherung war jedoch der vor zwei Jahren hochgeschnellte Getreidepreis, bei dem jeder gehofft hat, dass so was erhalten bleibt und deshalb war man da etwas zögerlich sich langfristig zu binden. Mittlerweile sieht das ganze jedoch wieder aus wie in den Jahren vorher und die Flächen stehen zur Verfügung.

Frage:
Und geht es weiter?

Antwort Marloff:
Ich sehe bei der Biomasse noch ein großes unerschlossenes Potenzial etwa in der Strohverwertung in der Wetterau. 60 Prozent der Fläche sind Ackerfläche. Das Getreide, das hier angebaut wird, wird für die Ernährung genutzt. Das anfallende Stroh bleibt in der Regel auf dem Acker. Hier gibt es noch Verwertungsmöglichkeiten zum Beispiel in Form von Strohpellets für Pelletheizungen. Hier sind wir schon ziemlich weit in der Entwicklung und ich sehe kurzfristige Realisierungsmöglichkeiten.

Frage:
Die Produktion von Biomasse ist eine Sache, die Verwendung eine andere. Gibt es da schon beispielhafte Projekte neben den bereits angesprochnen Anlagen?

Antwort Arnold:
Aber gewiss! Wir haben die Pelletheizungen in der Kurt-Schumacher-Schule in Karben oder in Friedberg am Schulkomplex von Henry-Benrath-Schule und Philipp-Dieffenbach-Schule und seit letztem Jahr am Schulkomplex Am Solgraben in Bad Nauheim.

Geplant sind darüber hinaus die Grundschule in Ortenberg, die Philipp-Reis-Schule, die Wingertschule und Wartbergschule in Friedberg, das Wolfgang-Ernst-Gymnasium in Büdingen und die Janusz-Korczak-Schule in Altenstadt.

Von besonderem Interesse ist auch ein landwirtschaftlicher Betrieb in Reichelsheim Blofeld, der nicht nur seinen ganzen Betrieb einschließlich Jungschweinestall mit Holzhackschnitzeln heizt, sondern der auch Pappeln, als sog. schnell wachsende Hölzer anbaut, um seinen Energiebedarf demnächst autark im Betrieb händeln will.

Dazu gibt es beispielhafte Schulprojekte mit überörtlicher Bedeutung, etwa an der Henry-Benrath-Schule in Friedberg, wo eine zehnte Klasse am Wettbewerb der Henkelstiftung „Futurino“ mit dem Projekt „Energie der Zukunft- CO2 frei“ teilgenommen hat.

Oder die St. Lioba Schule in Bad Nauheim, die bei der Endausscheidung in Berlin unter die zehn besten Teilnehmer des Umweltwettbewerbs „Klima und Co“ gekommen ist.

Dazu die Schülerinnen und Schüler der Singbergschule in Wölfersheim, die sich schon seit Jahren mit dem Thema alternativer Energien auseinandersetzen und zusammen mit der auf Erneuerbare Energien spezialisierte Technikerschule Butzbach Projektwochen veranstalten.

Frage:
Wie geht es weiter?

Antwort Arnold:
Wir arbeiten mit Vollgas an neuen Projekten und werden alles daransetzen, das Klimaziel der Europäischen Union nicht nur zu erreichen, sondern auch zu übertreffen. Nicht zuletzt deshalb habe ich auch den mittlerweile vom Wetterauer Kreistag parteiübergreifend beschlossenen 15-Punkte-Plan gegen den Klimawandel ausgearbeitet, der jetzt Schritt für Schritt umgesetzt wird.
Quelle: Stadt Wetteraukreis – Pressestelle

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