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Wetteraukreis: Kinder in Pflegefamilien – Vernachlässigung ist der häufigste Grund- Interview mit Sigrid B. die fünf Pflegekinder betreut

Pressemeldung vom 15. September 2016, 16:00 Uhr

Eine positive Bilanz zog Erster Kreisbeigeordneter und Jugenddezernent Helmut Betschel unlängst beim Sommerfest des Projektes PETRA im Gederner Stadtteil Ober-Seemen.

PETRA (Partner für Erziehung, Therapie, Research und Analyse) ist seit zwei Jahren mit der Suche, der Qualifikation und Betreuung von Bereitschafts- und Pflegeeltern vom Wetteraukreis betraut.

Der Bedarf an Bereitschafts- und Pflegeeltern nimmt bundesweit zu. Überforderte Eltern, vernachlässigte Kinder und eine gestiegene Sensibilität des Umfelds sind drei Gründe für die zunehmende Zahl von Inobhutnahmen.

„Wenn das Wohl des Kindes gefährdet ist, gibt es keine Alternative zur Herausnahme aus der Familie“, berichtet Jugenddezernent Betschel. „Die weitere Unterbringung richtet sich dann nach dem Bedarf des Kindes. Klar ist aber, dass die Unterbringung in einer Bereitschaftspflegefamilie weniger belastend für Kinder ist, als die Unterbringung im Heim. Deshalb suchen wir Familien, die ein vorübergehendes Zuhause und stabile, zuverlässige und berechenbare Strukturen geben können“, so Betschel.

Alexander Kaiser, Diplom-Sozialpädagoge und Fachbereichsleiter bei PETRA für das Pflegekinderwesen in der Wetterau, bestätigt: „Die in Obhut genommenen Kinder brauchen Schutz und Fürsorge und haben einen besonderen Betreuungsbedarf.“

180 Pflegefamilien

Damit der gewährleistet ist, betreut PETRA die Pflegefamilien intensiv. Aktuell sind es 180 Pflegefamilien mit insgesamt rund 200 Pflegekindern. „Wir suchen aber weiter Familien für die Langzeitpflege. Der Bedarf ist da“, sagt Alexander Kaiser. Jährlich veranstaltet PETRA zwei Seminare zur Qualifikation der Pflegeeltern. Häufigster Grund für die Jugendämter, Kinder aus der Familie herauszunehmen und in die Obhut von Pflegefamilien zu geben, ist Vernachlässigung. Seltener kommen Missbrauch und Misshandlungen vor. Gründe für die Vernachlässigung sind häufig Alkohol- und Drogenprobleme, aber auch das Alter der Eltern. „Manche junge Mütter sind selbst noch Teenager oder aus anderen Gründen der Aufgabe, ein Kind zu erziehen, einfach nicht gewachsen“, so Alexander Kaiser.

Die Bereitschaftspflege dauert im Durchschnitt viereinhalb Monate. Das hängt im Wesentlichen von den leiblichen Eltern ab. „Wenn diese wegen der Inobhutnahme den Gerichtsweg einschlagen, dann kann es länger dauern. Wenn sie mit der Aufnahme in eine Pflegefamilie einverstanden sind, geht es dann eben auch sehr schnell“, so Alexander Kaiser.

Der Austausch der Pflegeeltern ist PETRA ebenfalls ein wichtiges Anliegen. Dafür finden unter anderem die Sommerfeste im Kinder- und Jugendferiendorf bei Ober-Seemen statt. Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel hat dort mit Vertretern von PETRA gesprochen und sich über die aktuellen Entwicklungen informiert.

Bevor Kinder in eine Pflegefamilie kommen, werden diese von PETRA genau überprüft. Das beinhaltet mehrere Hausbesuche sowie ein verpflichtendes Seminar über vier Samstage mit jeweils acht Stunden.

„Bei Bereitschaftspflegeeltern kommt noch ein zusätzliches Aufbauseminar hinzu, bei dem unsere Mitarbeiter zu den Bereitschaftspflegeeltern nach Hause kommen und im Einzelfall speziell noch einmal für Bereitschaftspflege schulen. Wir wollen sicher sein, dass wir die richtigen Bereitschaftspflegeeltern finden. Alle können noch bis zum Schluss sagen, nein, das habe ich mir anders vorgestellt, ich will das dann doch nicht machen. Das ist uns lieber als wenn es nicht gutgeht, wenn das Kind schon in der Familie ist“, so Fachbereichsleiter Kaiser weiter.

„Ein fremdes Kind in die eigene Familie aufzunehmen und zu integrieren, ist die höchste Form sozialen Engagements“, sagt Projektleiter Kaiser.

Wir haben mit Sigrid B. gesprochen, die seit 13 Jahren Pflegekinder aufnimmt. Derzeit hat sie fünf fremde Kinder in der Familie, zwei in der Langzeitpflege und drei in der Bereitschaftspflege. Eines der Kinder in der Langzeitpflege ist schwerstmehrfach-behindert.

Frage: Was hat Sie bewogen, Pflegemutter zu werden?

Antwort: Wir haben noch spät einen eigenen Sohn bekommen und wollten nicht, dass er ein Einzelkind bleibt.

Frage: Und jetzt haben Sie mehrere Pflegekinder?

Antwort: Ja, das kam nach und nach. Zunächst wollten wir eigentlich nur Bereitschaftspflegeeltern sein, aber das hat sich einfach so ergeben, dass wir nach und nach zwei Pflegekinder haben, die dauernd bei uns sind. Dazu leben bei uns in der Familie derzeit drei Kinder in der Bereitschaftspflege im Alter von neun Monaten bis elf Jahren.

Frage: Welche Erfahrungen haben Sie als Pflegemutter gemacht?

Antwort: Das lässt sich so einfach nicht beantworten. Man macht mit jedem Kind seine eigenen und immer unterschiedlichen Erfahrungen. Die schönste Erfahrung ist, wenn man die Entwicklung der Kinder zum Guten sieht, wenn die Kinder einfach aufblühen. Daran merkt man auch, wie wichtig die Förderung der Kinder ist.

Frage: Wie ist das Zusammenleben in der Familie mit Geschwistern, wie hat Ihr leiblicher Sohn die Aufnahme von Pflegekindern aufgenommen, als Konkurrenz?

Antwort: Sehr harmonisch. Ich war ja schon sehr früh Tagesmutter und habe Kinder bei uns betreut. Da war unser Sohn schon früh an andere Kinder gewöhnt. Er war ohnehin immer einige Jahre älter, da gab es nie Konkurrenz.

Frage: Können Sie besondere Konfliktpunkte benennen?

Antwort: Ja, wenn Pflegekinder übergriffig sind. Die Vernachlässigung drückt sich ja auch dadurch aus, dass die Kinder keine Grenzen kennen. Sie nehmen sich Sachen, von denen jeder weiß, dass sie dem Papa gehören oder einem anderen Kind.

Frage: Regeln lernen ist eines der Dinge, die sie früh lernen müssen?

Antwort: Vom ersten Tag, an dem die Kinder kommen, müssen die Regeln feststehen. Ich kann das Kind nicht erst vier Wochen bei uns in der Familie haben, und das Kind darf alles, und dann werden auf einmal Regeln eingeführt. Nein, es muss von Anfang an klar sein, was geht und was nicht geht. Die Regeln werden gesetzt und müssen akzeptiert werden. Das verstehen die Kinder aber auch relativ schnell, weil sie auch für alle gelten.

„Es ist etwas Wunderbares, wenn ein Kind eine solche Entwicklung macht, die niemand vorausgesehen hat!“

Frage: Was sind so die schönsten Erlebnisse, die Sie mit Pflegekindern hatten?

Antwort: Die zweite Tochter, die bei uns als Pflegekind in der Familie ist, ist ein schwerstmehrfach-behindertes Kind. Die Ärzte haben gesagt, das Kind wird nie sprechen lernen und wird erblinden. Tatsächlich hat sie sprechen gelernt. Das ist etwas Wunderbares, wenn ein Kind eine solche Entwicklung macht, die niemand vorausgesehen hat.

Frage: Was würden Sie Familien raten, die Ähnliches vorhaben?

Antwort: Vor allem sich gut beraten zu lassen, was die Familie leisten kann. Man muss sehr stark sein, weil die Kinder vieles durch die Vernachlässigung in ihren Ursprungsfamilien mitbringen. Dann muss man auch klar sagen, was kann ich und was kann ich nicht.

Frage: Je älter die Kinder werden, je mehr Gepäck sie bei sich haben, umso schwieriger wird es wahrscheinlich?

Antwort: Das denken viele, aber auch Babys können die schlimmsten Erlebnisse gemacht haben. Das kann sich dann aufs ganze Leben auswirken.

Frage: Haben Sie schon erlebt, dass ein Kind aus der Pflegefamilie wieder zurück zur Ursprungsfamilie kommt?

Antwort: Bei der Langzeitpflege nicht. Allerdings kann es schon sein, dass man ab einem gewissen Zeitpunkt überfordert ist, zum Beispiel wenn die Kinder in die Pubertät kommen und sie vielleicht dann doch besser in einer Einrichtung aufgehoben sind. Da muss aber der Kontakt nicht abreißen. Er kann dann am Wochenende oder in den Ferien stattfinden.

Wenn ich mir selbst nicht sicher bin, ob ich mir so etwas zutraue, dann ist es gut, direkt Kontakt mit anderen Pflegefamilien aufzunehmen und zu schauen, wie es da läuft. Außerdem ist man bei PETRA schon im Vorfeld gut beraten.

„Man wird zur offenen Familie!“

Frage: Gibt es auch persönliche Voraussetzungen, die man mitbringen sollte, um Pflegemutter oder Pflegevater zu werden?

Antwort: Man muss offen sein, denn man wird eine offene Familie. Man kann nicht so wie vorher ganz privat weiterleben. Man hat die Besuche von Projekt PETRA, man hat die Besuche bei den leiblichen Eltern, man muss viele Fahrten machen zu Ärzten, zu Psychotherapeuten. Es müssen Berichte geschrieben werden. Man muss geduldig und aufmerksam sein, damit man auch sieht, was den Kindern fehlt.

Schauen Sie, da gibt es Kinder, die mit neun Monaten ganz brav sind, die viel schlafen, sich mit sich selbst beschäftigen, selbst trinken, aber da drücken sich auch die Defizite des Kindes aus. Denn es ist überhaupt nicht normal, dass ein Kind mit neun Monaten alles alleine macht, dass es sich hinlegt und schläft und nach dem Aufwachen sich alleine mit Spielsachen beschäftigt.

Frage: Als Bereitschaftspflegeeltern sind sie ja nur für eine kurze Zeit für das Kind verantwortlich, sie erleben eine positive Entwicklung und müssen sich wieder trennen. Ist das nicht schwer?

Antwort:

Natürlich muss man loslassen können, denn die Kinder sind nur zur Perspektivfindung da, zu schauen, wie es weitergeht, ob sie zurück in die Familie können oder dauerhaft bei einer Pflegefamilie bleiben. Das Loslassen fällt leicht, weil ja wieder andere Kinder kommen, die mich brauchen, und wenn die Kinder dann in eine gute Pflegefamilie zur dauerhaften Unterbringung kommen, dann tut mir das richtig gut.

Quelle: Wetteraukreis / Fachdienst Kundenservice und Kommunikation

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